Judith W. Taschler Das Geburtstagsfest“ Judith Taschler, die vor einigen Jahren bereits mit „Die Deutschlehrerin“ -im Übrigen ebenfalls ein Lesetipp- einen Bestseller landete, befasst sich in diesem aktuellen Buch mit den Geschehnissen zur Zeit der Roten Khmer in Kambodscha und verknüpft hier ein grausames Kapitel der Zeitgeschichte sehr geschickt mit der Gegenwart. Der zwölfjhrige Sohn des aus Kambodscha stammenden Hauptprotagonisten Kim Mey hat sich zum bevorstehenden 50. Geburtstag seines Vaters eine besondere Überraschung ausgedacht: er findet die Adresse der ehemaligen Leidensgenossin des Vaters heraus und sendet eine Mail an Tevi mit der Bitte, als Überraschungsgast zur Geburtstagsfeier seines Vaters zu erscheinen. Er erhofft sich, mehr aus der Vergangenheit seines Vaters zu erfahren. Er weiß nur, was besonders seine Mutter und Großmutter berichtet haben: dass sein Vater damals auf der Flucht von Kambodscha nach Thailand das kranke Mädchen Tevi durch den Dschungel getragen hat und diese damit gerettet hat. Von dort aus sind sie dann gemeinsam nach Österreich geflohen, wurden dort von einer Familie aufgenommen und lebten dann gemeinsam wie Bruder und Schwester dort, bis dann plötzlich und unerwartet der Kontakt abbrach. Warum? Leider ist Kim alles andere als begeistert von der Überraschung: er ist Architekt, hat eine Frau und drei Kinder und hat seit seiner Flucht 1979 stets versucht, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er befürchtet nun, dass seine Zeit bei den Roten Khmer und die wahren Begleitumstände jener dramatischen Flucht ans Licht kommen und alte Wunden wieder aufbrechen. Durch das Erscheinen von Tevi wird Kim völlig aus der Bahn geworfen. Im Gegensatz zu Kim erzählt Tevi, die als Fotomodell und UNO-Botschafterin arbeitet, stets von ihrer Vergangenheit, denn ihre Familie wurde durch das Regime gerettet und sie selbst überlebte nur durch Zufall. Die Geschichte spielt auf mehreren Zeitebenen: die Siebzigerjahre in Kambodscha, die Achtziger und Neunziger in Österreich und Frankreich und in der heutigen Zeit in Österreich. Wie Puzzleteile fügen sich die Erinnerungsstücke zusammen und rekonstruieren eine Chronik der Ereignisse seit 1970, in der die Biografien aller Beteiligten zusammenlaufen, langjährige Lügen und Missverständnisse aufgedeckt werden und das schreckliche Ende einer großen Liebe endlich abschließend verarbeitet wird. Konstanze Weber-Feldmann „Das Geburtstagsfest“ ist 2019 bei Droemer Knaur erschienen und kostet 22 € John Ironmonger „Der Wal und das Ende der Welt“ Wir schreiben das Jahr 2020 und erleben zur Zeit eine weltweite Pandemie, die uns keine/r je so vorausgesagt hat. Es war und ist uns immer noch unverständlich, wie es dazu kommen konnte. Wir stehen fassungslos vor dem, was jetzt zählt und sehen, dass unsere Welt nie mehr so sein wird, wie wir sie noch vor wenigen Wochen erlebt haben. In dem Buch von John Ironmonger, „Der Wal und das Ende der Welt“, das vor einem Jahr bereits erschienen ist, erleben die Figuren dieser Geschichte das, was auch wir zur Zeit erleben: in rasantem Tempo verändert sich das gewohnte Alltagsleben von Grund auf. Wie reagieren die Menschen in dieser Extremsituation? Ironmongers These lautet: wenn die Welt untergeht, dann rücken die Menschen zusammen. Es geht um ein kleines Dorf, eine Epidemie und eine globale Krise. Die Geschichte spielt in England, genauer in St. Piran, einem kleinen Fischerdörfchen in Cornwall an der englischen Südküste. Hier kennt jeder jeden, alles geht geruhsam seinen Gang. Eines Tages wird ein junger Mann vom Meer an den Strand angespült. Die Dorfgemeinschaft, bestehend aus 307 Einwohnern, kümmert sich liebevoll um den „Gestrandeten“. John Ironmonger hat lauter liebenswerte, leicht schrullige Charaktere erfunden. Die Landschaft und die skurrilen Figuren erinnern zwar an Rosamunde Pilcher, doch bietet uns Ironmonger deutlich mehr als deren ländliche Herzschmerz-Idylle. Keiner der Dorfbewohner ahnt, dass es sich bei dem Mann um einen Banker handelt, der aus London geflohen ist, nachdem er feststellte, dass er offenbar maßgeblich mitverantwortlich für den Zusammenbruch seiner Bank ist. Kurz nachdem der junge Mann am Rande des kleinen Fischerdorfes aufgefunden wurde, strandet an der gleichen Stelle ein Pottwal. Der Fremde, namens Joe, und die Dorfbewohner müssen beweisen, was Gemeinsamkeit und individueller Verzicht tatsächlich bewirken kann. Der Beweis einer echten Gemeinschaft steht an. Unter der Leitung von Joe schafft es das Dorf, den Wal zurück ins Wasser zu befördern. Joe ist der Held und die Herzen der Dorfbewohner fliegen ihm zu. Doch nun hat das von Joe entwickelte Softwaresystem einen globalen Kollaps prognostiziert. Dieser Zusammenbruch würde, so die Prognose, ganz einfach beginnen, indem zuerst ein Teil einer Lieferkette ausfällt und bald darauf weltweit Nachschubwege und Systeme zusammenbrechen. Ein Grippevirus, das sich rasant ausbreitet, verursacht und beschleunigt Chaos und totale Anarchie, schlimmer als zu Zeiten der spanischen Grippe von 1918. Angesichts dieser Prognose entschließt Joe sich zu einer Rettungsaktion für das Dorf. Er verwendet seine gesamten Ersparnisse, um dafür riesige Mengen an haltbaren Lebensmitteln zu kaufen. Im Glockenturm der Kirche wird alles eingelagert. Denn - so lautet die immer wiederkehrenden These: jede Großstadt ist nur „drei volle Mahlzeiten“ von der Anarchie entfernt. Und die Grippe kommt. Gewaltig. Wie werden die Dorfbewohner reagieren? Wird es ein Hauen und Stechen geben oder können die Menschen eine menschliche Seite offenbaren, der existenziellen Krise mit Humanität begegnen? Der Autor verzichtet auf eine überwiegend erzählende Beschreibung der Ereignisse. Stattdessen nehmen wir teil an den Gesprächen seiner Romanfiguren und sind auf diese Weise als Leser eng einbezogen in den dramatischen Ablauf des Geschehens. Am Ende des Romans stellt sich heraus, dass die Dorfbewohner den Wal doch nicht retten konnten. Sein Fleisch kann jedoch verwertet und bei einem großen Weihnachtsmahl zubereitet werden. Ist das alles, samt „Happy End“ vielleicht doch ein wenig zu weich gespült? Mag sein. Die frappierenden Parallelen zur Pandemie, die wir gerade erleben, sind beeindruckend. Gefallen hat mir die Grundidee und verbunden damit auch für unsere Zeit die Hoffnung auf Solidarität, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Anke Jährig Das Taschenbuch ist im April im Fischer Verlag erschienen und kostet 12,00 €. Davide Morosinotto „Verloren in Eis und Schnee“ Das Buch „Verloren in Eis und Schnee“ wurde von Davide Morosinotto geschrieben. Es handelt von zwei Zwilligen, die im 2. Weltkrieg in Russland um ihr Leben kämpfen. Wir befinden uns in Leningrad, Juni 1941, mitten im 2. Weltkrieg. Nadja und Viktor wohnen mit ihren Eltern in einer Wohnung mitten in der Stadt. Als die Stadt Leningrad gefährdet ist, muss der Vater gegen die Deutschen an der viel zu nahen Front kämpfen und die beiden Zwillinge sollen mit den anderen Kindern aus der Stadt evakuiert werden. Ihre Mutter gibt ihnen einen wichtigen Ratschlag mit auf den Weg: sie sollen sich nie trennen. Doch schon am Leningrader Bahnhof werden sie getrennt und verschiedenen Zügen zugeteilt. Während Viktor an seinem Ziel, einem Bauernhof in Sibirien, ankommt, wird Nadjas Zug von deutschen Bombern angegriffen. Als Viktor das erfährt, begibt er sich mit ein paar Freunden auf die Suche nach seiner Schwester. Das ist der Beginn einer langen Reise mit vielen Gefahren und Problemen. Deutsche Soldaten, die sie jagen und auch der russische Winter, der an ihren Kräften zehrt. Die Zwillinge schreiben während der ganzen Zeit in ihr Tagebuch. So wollen sie sich, wenn sie sich wieder treffen, ihre Geschichten erzählen. Viktor berichtet auf diese Weise dem Leser von seinem Weg zu seiner Schwester und Nadja erzählt vom Überleben auf einer Burg in der Nähe von Leningrad. Ich finde das Buch toll, da es sehr spannend ist und man es sehr gut lesen kann. Aufgebaut und gestaltet ist es wie die Tagebücher der Zwillinge, mit Bildern, Karten und handschriftlichen Notizen. Wenn man erst einmal angefangen hat, kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Ich würde dem Buch fünf von fünf Sternen geben. Empfehlen kann ich es für Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren. Terje Bröhan, 13 Jahre alt Das Buch ist bei Thienemann erschienen (ISBN 978-3-522-20251-0) und kostet 18 €. Carlos Maria Dominguez „Das Papierhaus“ Diese Erzählung beginnt mit dem wunderbaren Satz „Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der GEDICHTE von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren“. Bluma lehrte an der hispanistischen Abteilung der Universität Cambridge. Bei dem Ich-Erzähler handelt es sich um Blumas aus Südamerika stammenden Kollegen, der ihr Büro und ihre Vorlesungen nach ihrem Tod übernehmen soll. Eines Morgens erhält der Erzähler ein an die Verstorbene adressiertes Kuvert mit uruguayischen Briefmarken, ohne Begleitschreiben, allerdings mit dem -real existierenden– Buch DIE SCHATTENLINIE von Joseph Conrad. An dem Buch klebt eine schmuddelige Kruste und die Blattkanten weisen kleine Zementpartikel auf. In dem Buch entdeckt er eine Widmung von Bluma, datiert auf das Jahr 1996, adressiert an einen Carlos, mit Bezug „auf die verrückten Tage in Monterrey“. Nun ist die Neugier des Erzählers geweckt und er beginnt, Nachforschungen anzustellen. Er erfährt die Adresse des Absenders und reist nach Südamerika, um dem geheimnisvollen Carlos Brauer aufzuspüren, doch dieser scheint verschwunden zu sein. Auf der Suche begegnet der Erzähler zwei von Carlos´ bibliophilen Freunden, wovon der eine allein über eine Büchersammlung von 18.000 Exemplaren verfügt. Der Leser erfährt einiges über Ordnungssysteme (z.B. nie Bücher von zerstrittenen Autoren nebeneinander platzieren) oder dass das Lesen der Literatur aus dem 19. Jahrhundert bei Kerzenschein angenehmer ist und dass man entsprechend der Bücher die passende Musik auswählen kann, z.B. Wagner, wenn man Goethe liest. Der Erzähler erfährt durch diese Freunde, dass Carlos noch weitaus mehr Bücher sein Eigen nannte und geradezu besessen war vom Kaufen, Lesen und Sortieren seines „Schatzes“. Was dann passiert, warum er auszog in die Lagune von Rocha, das sei hier nicht verraten. Erst zum Schluss wird aufgeklärt, warum die Erzählung „Das Papierhaus“ heißt. Der Autor beleuchtet die Bibliomanie aus verschiedenen Winkeln, beschreibt die Freude, Bücherschränke von Bekannten zu inspizieren, den Aufwand, seine eigene Bibliothek in Schuss zu halten, aber auch die zerstörerische Seite, wenn die Lesesucht und Sammelwut zur Obsession wird. Konstanze Weber-Feldman Das Buch ist im Insel Verlag erschienen und kostet 8,00 € Elisabeth Strout „Die langen Abende“ E.Strout, 1956 in Maine geboren, hat Jura studiert, aber früh erkannt, dass sie lieber Schriftstellerin werden wollte - welch Glück für uns Leser/innen. In ihrem Buch „Die langen Abende“ treffen wir Olive Knidderridge wieder, die einige von Ihnen vielleicht aus dem Buch „Mit Blick aufs Meer“ kennen, für das E. Strout 2008 den Pulitzer Preis erhalten hat. Eingebettet in die Rahmenhandlung um Olive finden wir eine Sammlung miteinander verbundener Kurzgeschichten, die sich in einer Kleinstadt in Maine abspielen. Alltägliche Ereignisse und Einblicke in das Zusammenleben der Bewohner werden sehr anschaulich geschildert. All diese Personen sind verknüpft mit der Protagonistin Olive Knitterridge. Olive Knitterridge, 70 Jahre alt, pensionierte Mathematiklehrerin, inzwischen verwitwet, ist mit ihrer Einsamkeit und dem Alter konfrontiert. Sie lernt Jack Kennison, ehemals Havardprofessor, kennen, dem es nach dem Verlust seiner Frau ähnlich geht. Sie gehen das Wagnis einer Beziehung im Alter ein und die Gedanken und Schwierigkeiten, die damit einhergehen, werden sehr einfühlsam geschildert. Die Einsamkeit von Olive und Jack findet auch keine Linderung durch ihre Kinder, denn beide haben ein gestörtes Verhältnis zu ihnen. Nach dem Tod von Jack begleiten wir Olive weiter, lesen, wie sie mit dem Alter zurechtkommt und begleiten sie ins Seniorenheim. Olive ist wahrlich keine Sympathieträgerin, sie ist barsch, verletzend und mischt sich in alles ein. Durch die anschauliche Schilderung ihres Innenlebens kommt man ihr aber sehr nahe, wird in ihre Gedankenwelt hineingezogen und stellt dann erstaunt fest, dass man sie ins Herz geschlossen hat. Es ist zu spüren, dass unter ihrer ruppigen Art eine empfindsame Seele zu finden ist, die versucht, mit den Verletzungen des Lebens umzugehen. Mit zunehmendem Alter gewinnt Olive die Einsicht, das Leben anderer gelassener zu nehmen. Der Roman ist leicht erzählt trotz der schwergewichtigen Themen wie Verlust, Einsamkeit, Alter, Tod und Reue. Diese Leichtigkeit bekommt der Roman auch dadurch, dass E. Strout das Fach der Situationskomik meisterhaft beherrscht und man oft herzhaft lachen muss. Ein Roman, der mit großem Einfühlungsvermögen und Mitgefühl auf die Menschen blickt und den Wunsch in einem erzeugt, ähnlich liebevoll auf seine Mitmenschen zu blicken. Karin Hartmann Erschienen am 16.03.2020 im Luchterhand Verlag, 20 € Willi Achten „Die wir liebten.“ Wer in den 60er Jahren geboren ist, durchlebt in diesem Buch noch einmal die Welt der Eltern der Nachkriegsgeneration. Eine Zeit, in der die Kinder gekleidet und genährt wurden, aber damit hatte es sich dann auch schon. Milch wurde gegeben aber der Honig fehlte. Gefühle hatten am Esstisch keinen Platz. So wie bei den Brüdern Roman und Edgar, die Anfang der 70er, 13 und 11 Jahre alt sind und in einer westdeutschen Provinz leben. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des jüngeren, sensiblen Edgar. Der Vater ist Bäckermeister, die Mutter betreibt einen Toto- und Lottoladen. Die Ehe der Eltern geht in die Brüche als der Vater sich in die Tierärztin verliebt und es kommt zur Scheidung, was in dieser Zeit noch als undenkbar galt. „Niemand aus der Familie, das wussten wir, hatte je seine Familie verlassen. Trennung, Scheidungen gar, beging man in der Stadt, nicht im Dorf. So schlecht eine Ehe sein mochte, sie hielt, wurde zumindest nicht aufgelöst. Sie wurde gestützt durch ein Netz von Normen und Tabus. Eine Ehe war nicht nur ein Bund zwischen zwei Menschen, sie war ein Pakt zwischen zwei Familien, und sie war auch eine Abmachung mit allen anderen im Dorf, …“ Für die beiden Brüder beginnt mit der Scheidung, die mit allem Drum und Dran des damals geltenden Schuldprinzips durchgeführt wird, eine soziale Abwärtsspirale bis eines Tages das Jugendamt vor der Tür steht und die beiden in ein Heim steckt, dem „ Gnadenhof“, wo die Methoden der Nazizeit fortbestehen. Willi Achten beschreibt mit sehr viel Gefühl die Innenwelten dieser beiden heranwachsenden Jungen. An manchen Stellen ist das Buch kaum auszuhalten. Es ist so temporeich erzählt, dass man sich oft gehetzt fühlt und sich zwingen muss zu verweilen, damit diese intensiven Bilder, die Willi Achten im Kopf erzeugt, nicht zu schnell an einem vorbeifliegen. Dieses Buch wird auf jeden Fall zu den „Besten“ gehören, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Rita Körner Das Buch ist im Februar 2020 im Hanser Verlag erschienen und kostet 22,00 € David Garnett „Dame zu Fuchs“ Das Buch ist nicht neu. Es wurde bereits 1922 verlegt, allerdings unter anderem Titel. Der Autor lebte von 1892 bis 1981. Er war nicht nur Schriftsteller sondern auch Buchhändler, Verleger und Kritiker. Er gehörte der legendären Bloomsbury Group um Virginia Woolf, E.M.Forster und John M.Keynes an. Diese Menschen versuchten das verstaubte viktorianische England in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts intellektuell und künstlerisch aufzumischen. D.Garnett hatte unzählige Affären und pflegte einen boheminischen Lebensstil. Der schmale Roman, eigentlich eher eine Novelle, handelt von einem jungen Ehepaar, den Tebricks, die sich glücklich und verliebt ins ländliche Oxfordshire zurückziehen. Wir schreiben das Jahr 1880 als das Paar einen Spaziergang durch das oberhalb ihres Anwesens gelegene Wäldchen macht. In der Ferne sind Signalhörner von Jägern zu hören, Hunde bellen. Mr.R.Trebick möchte einen Blick auf die Jagdgesellschaft erhaschen, seine Frau Silvia geborene Fox, findet keinen Gefallen an dieser Freizeitgestaltung englischer Gentlemen. Richard geht zum Waldrand. In dem Moment ertönt ein Schrei und als er sich umdreht ist etwas Unglaubliches geschehen: „Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs." Erst nach geraumer Zeit, in der sie sich fassungslos anstarren, brechen beide in Tränen aus. Dann steckt Richard seine Silvia unter die Jacke und bringt sie nach Hause. Die geifernden Hunde erschießt er, das Personal entlässt er. Rührend fürsorglich kümmert Richard sich um die ins Tier mutierte Gattin, die zunächst noch sehr zivilisiert versucht in dem häuslichen Umfeld zu leben. So hilft ihr der Gatte in ein seidenes Morgenjäckchen, dass sie nicht nackt herumlaufen muss. Aber bald siegt die Natur über die Zivilisation. Sie will nicht mehr am Tisch sitzen, verschlingt die gefangene Taube auf Raubtierart, versucht aus dem Haus und dem Garten zu fliehen. Richard, der sie beschützen will, versucht sie einzusperren aber auf Dauer gelingt es nicht. .Die Geschichte ist ausschließlich aus der Sicht von Richard erzählt, so dass ein Blick in die Gedankenwelt von Silvia nicht möglich ist. Sie ist aber in den Handlungen zu erkennen. Sie handelt, Richard versucht zu reagieren, aber er ist zum Scheitern verurteilt. Charmant und leicht wird diese Novelle erzählt. Ohne erhobenen Zeigefinger und Moral. Und doch steckt viel emanzipatorischer Wille hinter den Worten. Anke Jährig Das Buch ist im btb Verlag erschienen und kostet 9,99 € Isabel Bogdan „Laufen“ Wie bewältigt man eine schwere Lebenskrise?Die Ich-Erzählerin, eine Hamburger Musikerin, entscheidet sich fürs Laufen. Zunächst kostet sie jeder Kilometer Überwindung, doch allmählich schafft sie mehr und mehr Runden im Hammer Park, um am Ende einmal um die Alster gelaufen zu sein. „Laufen ist super, so schön stumpf, man muss gar nicht denken, ich kann sowieso nur über das Laufen nachdenken und über meinen Körper und gar nicht über den ganzen Mist…..Ich laufe mir die Grübelei weg.“ So macht sie sich auf den Weg, die Trauer und die Wut über den Suizid ihres Lebensgefährten zu verarbeiten, um wieder zurück ins Leben und in einen normalen Alltag zu finden. Während ihrer Laufrunden gelingt es ihr, ihre Gedankenwelt zu sortieren und im unaufhörlichen Selbstgespräch offenzulegen. Was sich zunächst in Verzweiflung über Einsamkeit äußert „...die haben doch keine Ahnung, wie hilflos man vor dem Bett steht und sich fragt, ob man jetzt zwei Decken und Kopfkissen beziehen soll…., denn wenn man beide bezieht, sieht es so aus , als käme da noch jemand.“ oder in qualvoller Auseinandersetzung über Schuld und Schuldgefühle „…ich muss aus dem Schulddenken herauskommen, es war deine Entscheidung….. Aber wie soll das gehen?“ wandelt sich allmählich in Wut über gut gemeinte Ratschläge ´ „Was überhaupt nicht hilft, sind diese Sprüche: das Leben geht weiter und der ganze Quatsch, was soll das denn heißen, natürlich geht das Leben weiter.“ Mit der Hilfe von Freunden, ihrem Quartett, der Liebe zur Musik und dem unermüdlichen Laufen kehrt sie nach 2 Jahren zurück in ein Leben mit Perspektive und zukunftsweisenden Plänen, mit Gedanken an eine neue Liebe, ans Tanzen und etwas „Schönem zum Anziehen“. „Wie soll es weitergehen? Wie wohl? Vorwärts, nicht mehr im Kreis.“ In schnellem Tempo---(laufend)---dabei wahrhaftig, warmherzig und berührend, reich an Metaphern und feinem Humor schreibt Isabel Bogdan über Leben und Tod, Trauer, Verlust und das Leben danach. Ein Buch, das trotz der Schwere der Thematik viele tröstliche und hoffnungsvolle Momente verspricht. Brigitte Seng Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 18,00 €
Rita Körner • Breite Straße 18 • 21614 Buxtehude • (0 41 61) 704 39 30 • mrs.koerner@web.de
Rita Körner • Breite Straße 18 • 21614 Buxtehude Tel (0 41 61) 704 39 30 • mrs.koerner@web.de
Judith W. Taschler Das Geburtstagsfest“ Judith Taschler, die vor einigen Jahren bereits mit „Die Deutschlehrerin“ -im Übrigen ebenfalls ein Lesetipp- einen Bestseller landete, befasst sich in diesem aktuellen Buch mit den Geschehnissen zur Zeit der Roten Khmer in Kambodscha und verknüpft hier ein grausames Kapitel der Zeitgeschichte sehr geschickt mit der Gegenwart. Der zwölfjhrige Sohn des aus Kambodscha stammenden Hauptprotagonisten Kim Mey hat sich zum bevorstehenden 50. Geburtstag seines Vaters eine besondere Überraschung ausgedacht: er findet die Adresse der ehemaligen Leidensgenossin des Vaters heraus und sendet eine Mail an Tevi mit der Bitte, als Überraschungsgast zur Geburtstagsfeier seines Vaters zu erscheinen. Er erhofft sich, mehr aus der Vergangenheit seines Vaters zu erfahren. Er weiß nur, was besonders seine Mutter und Großmutter berichtet haben: dass sein Vater damals auf der Flucht von Kambodscha nach Thailand das kranke Mädchen Tevi durch den Dschungel getragen hat und diese damit gerettet hat. Von dort aus sind sie dann gemeinsam nach Österreich geflohen, wurden dort von einer Familie aufgenommen und lebten dann gemeinsam wie Bruder und Schwester dort, bis dann plötzlich und unerwartet der Kontakt abbrach. Warum? Leider ist Kim alles andere als begeistert von der Überraschung: er ist Architekt, hat eine Frau und drei Kinder und hat seit seiner Flucht 1979 stets versucht, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er befürchtet nun, dass seine Zeit bei den Roten Khmer und die wahren Begleitumstände jener dramatischen Flucht ans Licht kommen und alte Wunden wieder aufbrechen. Durch das Erscheinen von Tevi wird Kim völlig aus der Bahn geworfen. Im Gegensatz zu Kim erzählt Tevi, die als Fotomodell und UNO-Botschafterin arbeitet, stets von ihrer Vergangenheit, denn ihre Familie wurde durch das Regime gerettet und sie selbst überlebte nur durch Zufall. Die Geschichte spielt auf mehreren Zeitebenen: die Siebzigerjahre in Kambodscha, die Achtziger und Neunziger in Österreich und Frankreich und in der heutigen Zeit in Österreich. Wie Puzzleteile fügen sich die Erinnerungsstücke zusammen und rekonstruieren eine Chronik der Ereignisse seit 1970, in der die Biografien aller Beteiligten zusammenlaufen, langjährige Lügen und Missverständnisse aufgedeckt werden und das schreckliche Ende einer großen Liebe endlich abschließend verarbeitet wird. Konstanze Weber-Feldmann „Das Geburtstagsfest“ ist 2019 bei Droemer Knaur erschienen und kostet 22 € John Ironmonger „Der Wal und das Ende der Welt“ Wir schreiben das Jahr 2020 und erleben zur Zeit eine weltweite Pandemie, die uns keine/r je so vorausgesagt hat. Es war und ist uns immer noch unverständlich, wie es dazu kommen konnte. Wir stehen fassungslos vor dem, was jetzt zählt und sehen, dass unsere Welt nie mehr so sein wird, wie wir sie noch vor wenigen Wochen erlebt haben. In dem Buch von John Ironmonger, „Der Wal und das Ende der Welt“, das vor einem Jahr bereits erschienen ist, erleben die Figuren dieser Geschichte das, was auch wir zur Zeit erleben: in rasantem Tempo verändert sich das gewohnte Alltagsleben von Grund auf. Wie reagieren die Menschen in dieser Extremsituation? Ironmongers These lautet: wenn die Welt untergeht, dann rücken die Menschen zusammen. Es geht um ein kleines Dorf, eine Epidemie und eine globale Krise. Die Geschichte spielt in England, genauer in St. Piran, einem kleinen Fischerdörfchen in Cornwall an der englischen Südküste. Hier kennt jeder jeden, alles geht geruhsam seinen Gang. Eines Tages wird ein junger Mann vom Meer an den Strand angespült. Die Dorfgemeinschaft, bestehend aus 307 Einwohnern, kümmert sich liebevoll um den „Gestrandeten“. John Ironmonger hat lauter liebenswerte, leicht schrullige Charaktere erfunden. Die Landschaft und die skurrilen Figuren erinnern zwar an Rosamunde Pilcher, doch bietet uns Ironmonger deutlich mehr als deren ländliche Herzschmerz-Idylle. Keiner der Dorfbewohner ahnt, dass es sich bei dem Mann um einen Banker handelt, der aus London geflohen ist, nachdem er feststellte, dass er offenbar maßgeblich mitverantwortlich für den Zusammenbruch seiner Bank ist. Kurz nachdem der junge Mann am Rande des kleinen Fischerdorfes aufgefunden wurde, strandet an der gleichen Stelle ein Pottwal. Der Fremde, namens Joe, und die Dorfbewohner müssen beweisen, was Gemeinsamkeit und individueller Verzicht tatsächlich bewirken kann. Der Beweis einer echten Gemeinschaft steht an. Unter der Leitung von Joe schafft es das Dorf, den Wal zurück ins Wasser zu befördern. Joe ist der Held und die Herzen der Dorfbewohner fliegen ihm zu. Doch nun hat das von Joe entwickelte Softwaresystem einen globalen Kollaps prognostiziert. Dieser Zusammenbruch würde, so die Prognose, ganz einfach beginnen, indem zuerst ein Teil einer Lieferkette ausfällt und bald darauf weltweit Nachschubwege und Systeme zusammenbrechen. Ein Grippevirus, das sich rasant ausbreitet, verursacht und beschleunigt Chaos und totale Anarchie, schlimmer als zu Zeiten der spanischen Grippe von 1918. Angesichts dieser Prognose entschließt Joe sich zu einer Rettungsaktion für das Dorf. Er verwendet seine gesamten Ersparnisse, um dafür riesige Mengen an haltbaren Lebensmitteln zu kaufen. Im Glockenturm der Kirche wird alles eingelagert. Denn - so lautet die immer wiederkehrenden These: jede Großstadt ist nur „drei volle Mahlzeiten“ von der Anarchie entfernt. Und die Grippe kommt. Gewaltig. Wie werden die Dorfbewohner reagieren? Wird es ein Hauen und Stechen geben oder können die Menschen eine menschliche Seite offenbaren, der existenziellen Krise mit Humanität begegnen? Der Autor verzichtet auf eine überwiegend erzählende Beschreibung der Ereignisse. Stattdessen nehmen wir teil an den Gesprächen seiner Romanfiguren und sind auf diese Weise als Leser eng einbezogen in den dramatischen Ablauf des Geschehens. Am Ende des Romans stellt sich heraus, dass die Dorfbewohner den Wal doch nicht retten konnten. Sein Fleisch kann jedoch verwertet und bei einem großen Weihnachtsmahl zubereitet werden. Ist das alles, samt „Happy End“ vielleicht doch ein wenig zu weich gespült? Mag sein. Die frappierenden Parallelen zur Pandemie, die wir gerade erleben, sind beeindruckend. Gefallen hat mir die Grundidee und verbunden damit auch für unsere Zeit die Hoffnung auf Solidarität, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Anke Jährig Das Taschenbuch ist im April im Fischer Verlag erschienen und kostet 12,00 €. Davide Morosinotto „Verloren in Eis und Schnee“ Das Buch „Verloren in Eis und Schnee“ wurde von Davide Morosinotto geschrieben. Es handelt von zwei Zwilligen, die im 2. Weltkrieg in Russland um ihr Leben kämpfen. Wir befinden uns in Leningrad, Juni 1941, mitten im 2. Weltkrieg. Nadja und Viktor wohnen mit ihren Eltern in einer Wohnung mitten in der Stadt. Als die Stadt Leningrad gefährdet ist, muss der Vater gegen die Deutschen an der viel zu nahen Front kämpfen und die beiden Zwillinge sollen mit den anderen Kindern aus der Stadt evakuiert werden. Ihre Mutter gibt ihnen einen wichtigen Ratschlag mit auf den Weg: sie sollen sich nie trennen. Doch schon am Leningrader Bahnhof werden sie getrennt und verschiedenen Zügen zugeteilt. Während Viktor an seinem Ziel, einem Bauernhof in Sibirien, ankommt, wird Nadjas Zug von deutschen Bombern angegriffen. Als Viktor das erfährt, begibt er sich mit ein paar Freunden auf die Suche nach seiner Schwester. Das ist der Beginn einer langen Reise mit vielen Gefahren und Problemen. Deutsche Soldaten, die sie jagen und auch der russische Winter, der an ihren Kräften zehrt. Die Zwillinge schreiben während der ganzen Zeit in ihr Tagebuch. So wollen sie sich, wenn sie sich wieder treffen, ihre Geschichten erzählen. Viktor berichtet auf diese Weise dem Leser von seinem Weg zu seiner Schwester und Nadja erzählt vom Überleben auf einer Burg in der Nähe von Leningrad. Ich finde das Buch toll, da es sehr spannend ist und man es sehr gut lesen kann. Aufgebaut und gestaltet ist es wie die Tagebücher der Zwillinge, mit Bildern, Karten und handschriftlichen Notizen. Wenn man erst einmal angefangen hat, kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Ich würde dem Buch fünf von fünf Sternen geben. Empfehlen kann ich es für Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren. Terje Bröhan, 13 Jahre alt Das Buch ist bei Thienemann erschienen (ISBN 978-3-522-20251-0) und kostet 18 €. Carlos Maria Dominguez „Das Papierhaus“ Diese Erzählung beginnt mit dem wunderbaren Satz „Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der GEDICHTE von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren“. Bluma lehrte an der hispanistischen Abteilung der Universität Cambridge. Bei dem Ich-Erzähler handelt es sich um Blumas aus Südamerika stammenden Kollegen, der ihr Büro und ihre Vorlesungen nach ihrem Tod übernehmen soll. Eines Morgens erhält der Erzähler ein an die Verstorbene adressiertes Kuvert mit uruguayischen Briefmarken, ohne Begleitschreiben, allerdings mit dem -real existierenden– Buch DIE SCHATTENLINIE von Joseph Conrad. An dem Buch klebt eine schmuddelige Kruste und die Blattkanten weisen kleine Zementpartikel auf. In dem Buch entdeckt er eine Widmung von Bluma, datiert auf das Jahr 1996, adressiert an einen Carlos, mit Bezug „auf die verrückten Tage in Monterrey“. Nun ist die Neugier des Erzählers geweckt und er beginnt, Nachforschungen anzustellen. Er erfährt die Adresse des Absenders und reist nach Südamerika, um dem geheimnisvollen Carlos Brauer aufzuspüren, doch dieser scheint verschwunden zu sein. Auf der Suche begegnet der Erzähler zwei von Carlos´ bibliophilen Freunden, wovon der eine allein über eine Büchersammlung von 18.000 Exemplaren verfügt. Der Leser erfährt einiges über Ordnungssysteme (z.B. nie Bücher von zerstrittenen Autoren nebeneinander platzieren) oder dass das Lesen der Literatur aus dem 19. Jahrhundert bei Kerzenschein angenehmer ist und dass man entsprechend der Bücher die passende Musik auswählen kann, z.B. Wagner, wenn man Goethe liest. Der Erzähler erfährt durch diese Freunde, dass Carlos noch weitaus mehr Bücher sein Eigen nannte und geradezu besessen war vom Kaufen, Lesen und Sortieren seines „Schatzes“. Was dann passiert, warum er auszog in die Lagune von Rocha, das sei hier nicht verraten. Erst zum Schluss wird aufgeklärt, warum die Erzählung „Das Papierhaus“ heißt. Der Autor beleuchtet die Bibliomanie aus verschiedenen Winkeln, beschreibt die Freude, Bücherschränke von Bekannten zu inspizieren, den Aufwand, seine eigene Bibliothek in Schuss zu halten, aber auch die zerstörerische Seite, wenn die Lesesucht und Sammelwut zur Obsession wird. Konstanze Weber-Feldman Das Buch ist im Insel Verlag erschienen und kostet 8,00 € Elisabeth Strout „Die langen Abende“ E.Strout, 1956 in Maine geboren, hat Jura studiert, aber früh erkannt, dass sie lieber Schriftstellerin werden wollte - welch Glück für uns Leser/innen. In ihrem Buch „Die langen Abende“ treffen wir Olive Knidderridge wieder, die einige von Ihnen vielleicht aus dem Buch „Mit Blick aufs Meer“ kennen, für das E. Strout 2008 den Pulitzer Preis erhalten hat. Eingebettet in die Rahmenhandlung um Olive finden wir eine Sammlung miteinander verbundener Kurzgeschichten, die sich in einer Kleinstadt in Maine abspielen. Alltägliche Ereignisse und Einblicke in das Zusammenleben der Bewohner werden sehr anschaulich geschildert. All diese Personen sind verknüpft mit der Protagonistin Olive Knitterridge. Olive Knitterridge, 70 Jahre alt, pensionierte Mathematiklehrerin, inzwischen verwitwet, ist mit ihrer Einsamkeit und dem Alter konfrontiert. Sie lernt Jack Kennison, ehemals Havardprofessor, kennen, dem es nach dem Verlust seiner Frau ähnlich geht. Sie gehen das Wagnis einer Beziehung im Alter ein und die Gedanken und Schwierigkeiten, die damit einhergehen, werden sehr einfühlsam geschildert. Die Einsamkeit von Olive und Jack findet auch keine Linderung durch ihre Kinder, denn beide haben ein gestörtes Verhältnis zu ihnen. Nach dem Tod von Jack begleiten wir Olive weiter, lesen, wie sie mit dem Alter zurechtkommt und begleiten sie ins Seniorenheim. Olive ist wahrlich keine Sympathieträgerin, sie ist barsch, verletzend und mischt sich in alles ein. Durch die anschauliche Schilderung ihres Innenlebens kommt man ihr aber sehr nahe, wird in ihre Gedankenwelt hineingezogen und stellt dann erstaunt fest, dass man sie ins Herz geschlossen hat. Es ist zu spüren, dass unter ihrer ruppigen Art eine empfindsame Seele zu finden ist, die versucht, mit den Verletzungen des Lebens umzugehen. Mit zunehmendem Alter gewinnt Olive die Einsicht, das Leben anderer gelassener zu nehmen. Der Roman ist leicht erzählt trotz der schwergewichtigen Themen wie Verlust, Einsamkeit, Alter, Tod und Reue. Diese Leichtigkeit bekommt der Roman auch dadurch, dass E. Strout das Fach der Situationskomik meisterhaft beherrscht und man oft herzhaft lachen muss. Ein Roman, der mit großem Einfühlungsvermögen und Mitgefühl auf die Menschen blickt und den Wunsch in einem erzeugt, ähnlich liebevoll auf seine Mitmenschen zu blicken. Karin Hartmann Erschienen am 16.03.2020 im Luchterhand Verlag, 20 € Willi Achten „Die wir liebten.“ Wer in den 60er Jahren geboren ist, durchlebt in diesem Buch noch einmal die Welt der Eltern der Nachkriegsgeneration. Eine Zeit, in der die Kinder gekleidet und genährt wurden, aber damit hatte es sich dann auch schon. Milch wurde gegeben aber der Honig fehlte. Gefühle hatten am Esstisch keinen Platz. So wie bei den Brüdern Roman und Edgar, die Anfang der 70er, 13 und 11 Jahre alt sind und in einer westdeutschen Provinz leben. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des jüngeren, sensiblen Edgar. Der Vater ist Bäckermeister, die Mutter betreibt einen Toto- und Lottoladen. Die Ehe der Eltern geht in die Brüche als der Vater sich in die Tierärztin verliebt und es kommt zur Scheidung, was in dieser Zeit noch als undenkbar galt. „Niemand aus der Familie, das wussten wir, hatte je seine Familie verlassen. Trennung, Scheidungen gar, beging man in der Stadt, nicht im Dorf. So schlecht eine Ehe sein mochte, sie hielt, wurde zumindest nicht aufgelöst. Sie wurde gestützt durch ein Netz von Normen und Tabus. Eine Ehe war nicht nur ein Bund zwischen zwei Menschen, sie war ein Pakt zwischen zwei Familien, und sie war auch eine Abmachung mit allen anderen im Dorf, …“ Für die beiden Brüder beginnt mit der Scheidung, die mit allem Drum und Dran des damals geltenden Schuldprinzips durchgeführt wird, eine soziale Abwärtsspirale bis eines Tages das Jugendamt vor der Tür steht und die beiden in ein Heim steckt, dem „ Gnadenhof“, wo die Methoden der Nazizeit fortbestehen. Willi Achten beschreibt mit sehr viel Gefühl die Innenwelten dieser beiden heranwachsenden Jungen. An manchen Stellen ist das Buch kaum auszuhalten. Es ist so temporeich erzählt, dass man sich oft gehetzt fühlt und sich zwingen muss zu verweilen, damit diese intensiven Bilder, die Willi Achten im Kopf erzeugt, nicht zu schnell an einem vorbeifliegen. Dieses Buch wird auf jeden Fall zu den „Besten“ gehören, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Rita Körner Das Buch ist im Februar 2020 im Hanser Verlag erschienen und kostet 22,00 € David Garnett „Dame zu Fuchs“ Das Buch ist nicht neu. Es wurde bereits 1922 verlegt, allerdings unter anderem Titel. Der Autor lebte von 1892 bis 1981. Er war nicht nur Schriftsteller sondern auch Buchhändler, Verleger und Kritiker. Er gehörte der legendären Bloomsbury Group um Virginia Woolf, E.M.Forster und John M.Keynes an. Diese Menschen versuchten das verstaubte viktorianische England in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts intellektuell und künstlerisch aufzumischen. D.Garnett hatte unzählige Affären und pflegte einen boheminischen Lebensstil. Der schmale Roman, eigentlich eher eine Novelle, handelt von einem jungen Ehepaar, den Tebricks, die sich glücklich und verliebt ins ländliche Oxfordshire zurückziehen. Wir schreiben das Jahr 1880 als das Paar einen Spaziergang durch das oberhalb ihres Anwesens gelegene Wäldchen macht. In der Ferne sind Signalhörner von Jägern zu hören, Hunde bellen. Mr.R.Trebick möchte einen Blick auf die Jagdgesellschaft erhaschen, seine Frau Silvia geborene Fox, findet keinen Gefallen an dieser Freizeitgestaltung englischer Gentlemen. Richard geht zum Waldrand. In dem Moment ertönt ein Schrei und als er sich umdreht ist etwas Unglaubliches geschehen: „Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs." Erst nach geraumer Zeit, in der sie sich fassungslos anstarren, brechen beide in Tränen aus. Dann steckt Richard seine Silvia unter die Jacke und bringt sie nach Hause. Die geifernden Hunde erschießt er, das Personal entlässt er. Rührend fürsorglich kümmert Richard sich um die ins Tier mutierte Gattin, die zunächst noch sehr zivilisiert versucht in dem häuslichen Umfeld zu leben. So hilft ihr der Gatte in ein seidenes Morgenjäckchen, dass sie nicht nackt herumlaufen muss. Aber bald siegt die Natur über die Zivilisation. Sie will nicht mehr am Tisch sitzen, verschlingt die gefangene Taube auf Raubtierart, versucht aus dem Haus und dem Garten zu fliehen. Richard, der sie beschützen will, versucht sie einzusperren aber auf Dauer gelingt es nicht. .Die Geschichte ist ausschließlich aus der Sicht von Richard erzählt, so dass ein Blick in die Gedankenwelt von Silvia nicht möglich ist. Sie ist aber in den Handlungen zu erkennen. Sie handelt, Richard versucht zu reagieren, aber er ist zum Scheitern verurteilt. Charmant und leicht wird diese Novelle erzählt. Ohne erhobenen Zeigefinger und Moral. Und doch steckt viel emanzipatorischer Wille hinter den Worten. Anke Jährig Das Buch ist im btb Verlag erschienen und kostet 9,99 € Isabel Bogdan „Laufen“ Wie bewältigt man eine schwere Lebenskrise?Die Ich-Erzählerin, eine Hamburger Musikerin, entscheidet sich fürs Laufen. Zunächst kostet sie jeder Kilometer Überwindung, doch allmählich schafft sie mehr und mehr Runden im Hammer Park, um am Ende einmal um die Alster gelaufen zu sein. „Laufen ist super, so schön stumpf, man muss gar nicht denken, ich kann sowieso nur über das Laufen nachdenken und über meinen Körper und gar nicht über den ganzen Mist…..Ich laufe mir die Grübelei weg.“ So macht sie sich auf den Weg, die Trauer und die Wut über den Suizid ihres Lebensgefährten zu verarbeiten, um wieder zurück ins Leben und in einen normalen Alltag zu finden. Während ihrer Laufrunden gelingt es ihr, ihre Gedankenwelt zu sortieren und im unaufhörlichen Selbstgespräch offenzulegen. Was sich zunächst in Verzweiflung über Einsamkeit äußert „...die haben doch keine Ahnung, wie hilflos man vor dem Bett steht und sich fragt, ob man jetzt zwei Decken und Kopfkissen beziehen soll…., denn wenn man beide bezieht, sieht es so aus , als käme da noch jemand.“ oder in qualvoller Auseinandersetzung über Schuld und Schuldgefühle „…ich muss aus dem Schulddenken herauskommen, es war deine Entscheidung….. Aber wie soll das gehen?“ wandelt sich allmählich in Wut über gut gemeinte Ratschläge ´ „Was überhaupt nicht hilft, sind diese Sprüche: das Leben geht weiter und der ganze Quatsch, was soll das denn heißen, natürlich geht das Leben weiter.“ Mit der Hilfe von Freunden, ihrem Quartett, der Liebe zur Musik und dem unermüdlichen Laufen kehrt sie nach 2 Jahren zurück in ein Leben mit Perspektive und zukunftsweisenden Plänen, mit Gedanken an eine neue Liebe, ans Tanzen und etwas „Schönem zum Anziehen“. „Wie soll es weitergehen? Wie wohl? Vorwärts, nicht mehr im Kreis.“ In schnellem Tempo---(laufend)---dabei wahrhaftig, warmherzig und berührend, reich an Metaphern und feinem Humor schreibt Isabel Bogdan über Leben und Tod, Trauer, Verlust und das Leben danach. Ein Buch, das trotz der Schwere der Thematik viele tröstliche und hoffnungsvolle Momente verspricht. Brigitte Seng Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 18,00