“Judith und Hamnet”, von Maggie O`Farell Womans Price for Fiction Schon zu Beginn des neuen Jahres ist dieser berührende Roman ein absolutes Highlight. Es ist die historisch detailreiche Geschichte aus dem frühen Leben von William Shakespeare, erzählt aus der Perspektive seiner älteren und feinsinnigen Frau Agnes. Wir erleben Shakespeare, als Sohn eines jähzornigen und betrügerischen Handschuhmachers, seine Verliebtheit, seine ersten Ehejahre, die Geburten der Kinder und den Beginn seiner Karriere als Dramatiker in London, vor allem aber nehmen wir beim Lesen Anteil an der unendlichen Trauer von Eltern über den Verlust eines Kindes. Hamnet, der Zwillingsbruder von Judith, verstirbt an der Pest. Während Agnes daran zu zerbrechen droht, lässt Shakespeare ihn im Hamlet weiterleben. Aus Geschichte wird Literatur. Es gibt in diesem Buch so viele berührende Stellen, dass es ratsam ist ein Taschentuch in Reichweite zu haben. Der Literaturpreis für diesen Roman ist hochverdient. Das Buch ist erschienen 2020 im Piper Verlag und kostet 22 € „Annette, ein Heldinnen-Epos“ von Anne Weber Deutscher Buchpreis 2020 Berufen zum Widerstand, berufen dazu Minderheiten, Hilflosen und Ausgegrenzten zu helfen, so ist das Leben der Ärztin und Mutter Anne Beaumanoir. Anne Weber hat ihre Geschichte in sprachlicher und gedanklicher Dichte so hervorragend wiedergegeben, dass man sich ihrem Sog nicht entziehen kann. Dabei legt die Autorin zuweilen ein frechen und lakonischen Ton an den Tag, wenn sie uns als Leser über französische Geschichte so nebenbei „belehren“ will . Dies mag vielleicht nicht jedem gefallen, mich hat es nicht gestört -eher im Gegenteil- ich fühlte mich vis-á-vis mit Anne Weber. Obwohl der Roman in wunderschöner Prosa geschrieben ist, so ist der Text in seiner äußeren Form gestaltet wie ein Langgedicht. Wozu diese Form? Wohl zum einen, weil nach der Vorstellung der Autorin die Hauptfigur einer Heldinnendichtung würdig ist, aber zum anderen macht es etwas mit uns während wir lesen. Unser Auge fliegt nur so über die Zeilen und das Tempo erhöht sich. Der Text, der ohnehin schon sehr verdichtet ist nimmt noch einmal zusätzlich Fahrt auf. Anne Weber ist nicht die Erste, die in dieser Art erzählt. Bereits Sarah Crossan und David Foenkinos haben damit schon sehr erfolgreich ihre Romane oder auch Versnovellen verfasst. Wer diese Form aber als störend empfindet, dem sei das Hörbuch sehr zu empfehlen. Das Buch ist erschienen 2020 bei Matthes & Seitz und kostet 22 €; Das Hörbuch ist eingelesen mit der wunderbaren Stimme von Christina Puciata, 5 CDs, Audioverlag 22 € „Schnee in Amsterdam“ von Bernard MacLaverty Um den nordirischen Autor MacLaverty war es sehr lange still, umso mehr habe ich mich gefreut als 2018 endlich wieder ein Buch von ihm erschien und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ein älteres irisches Ehepaar reist für ein Wochenende nach Amsterdam. Schon nach wenigen Seiten ahnen wir als Leser, dass diese Ehe voller Narben ist und vor einem Abgrund steht. Mit messerscharfer Beobachtung und psychologischem Gespür schaut der Autor auf das Leben dieser zwei Menschen und spürt die Situationen auf, in denen das gemeinsam Erlebte, sie auf unterschiedliche Wege führte. MacLaverty hat ein schlichtes, unsentimentales und lebenskluges Buch geschrieben in dem irgendwann - zum Glück - auch Schnee in Amsterdam fällt. Schnee in Amsterdam erschienen 2018 im Beck Verlag 22 €; als Taschenbuch bei dtv erschienen 2020 für 11,90 € „Wolgakinder“ von Gusel Jachina Meine Mutter ist in Tiblissi (Tiflis/Georgien) als Kind von Wolgadeutschen geboren. Um 1900 gab es ca. 600.000 deutsche Siedler, die auf einem Gebiet so groß wie Belgien an der Wolga entlang lebten. Meine Mutter ist im Alter von sechs Jahren von dort geflüchtet und sie und die Großeltern hatten viele Erinnerungen im Gepäck. Für mich gab es also Grund genug dieses Buch in die Hand zu nehmen. Was für ein Glück! Mit märchenhafter Fabulierlust, die mich zum Teil an Kafka, Murakami und auch Haratischwilli erinnert, habe ich die Geschichte des Dorfschullehrers Bach gelesen, der an der Wolga in einem Dorf namens Gnadental lebt und sich auf höchst verwunderliche und sehr seltsame Art in seine Schülerin Klara Grimm verliebt. Jachina erzählt von einer untergegangenen Welt – der Wolgadeutschen und ihrer unabhängigen sowjetischen Republik. Der Roman umfasst eine Zeitspanne von 1915 bis 1945 anhand eines berührenden menschlichen Schicksals. Der Roman hat für mich auch ein paar Schwächen gehabt, so verändert Jachina bei bestimmten Kapiteln, wo politische Ereignisse im Vordergrund stehen, den Schreibstil und man holpert beim Lesen etwas hinterher. Aber insgesamt gesehen hat das für mich nicht die Qualität des Buches gemindert. Großes Kopfkino an der Wolga ! Das Buch ist 2019 im Aufbau Verlag erschienen und kostet 24,00 € „Offene See“ von Benjamin Myers Wer „Ein Monat auf dem Land“ von Carr oder „Stoner“ von Williams gerne gelesen hat, dem wird auch dieses Buch gefallen. Rückblickend erzählt wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, zwischen dem 16jährigen Bergwerkssohn Robert und Dulcie einer sehr viel älteren Frau. Bevor Robert, wie schon sein Vater in den Grubenschacht einfahren muss, will er noch auf Wanderschaft gehen. Er will Nordengland durchstreifen bis hin zum offenen Meer – seinem Sehnsuchtsort. Auf der Wanderung trifft er Dulcie vor ihrem kleinen Cottage. Dulcie ist unverheiratet, selbstbewusst, ohne Blatt vor dem Mund, klug, belesen, kultiviert und verfügt über ein Geheimnis. Während ihres Kennenlernens weckt sie in dem jungen sensiblen Robert, Horizonte, Möglichkeiten und Lebensziele, die sich dieser schon bedingt durch seine Herkunft, niemals hätte zu eigen machen können. Aber auch Robert bringt mit seinen Gedanken und seiner Art, Wärme in Dulcies Leben. Der Roman ist eine Geschichte über die Kraft der Sprache, die Liebe zur Literatur und der rauhen Landschaft Nordenglands. Es gehört für mich zu den schönen „stillen“ Büchern. Das Buch ist erschienen 2020 im DuMont Verlag und kostet 20,00 € Zum Schluss möchte ich Ihnen zwei außergewöhnliche Bücher vorstellen. Außergewöhnlich, weil mich diese Romane sowohl abgestoßen als auch unerklärlich angezogen haben. „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné Dieser Roman ist das Debut der belgischen Autorin. Er wurde mit 14 Literaturpreisen überhäuft und ist mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt worden. Im Mai 2020 hat Matthias Brand dieses Buch im literarischen Quartett vorgestellt und hochgelobt. Er hat den Roman als „spannende Horrorgeschichte“ bezeichnet, Thea Dorn sah darin ein grausames Märchen und hielt es für die beste Neuerscheinung des Jahres. Worum geht es? Ein junges Mädchen versucht voller Hingabe ein Unfalltrauma, welches ihr kleiner Bruder erlitten hat, zu heilen. Doch wie soll sie sein Lachen wieder herbeizaubern, wenn ein Gewaltmonster von Vater zuhause am Tisch sitzt und das Gesicht der Mutter in das Puree schlägt, bis der Teller in Scherben bricht. Wie kann sie es schaffen, wenn sie fürchten muss, dass auch der Bruder immer mehr Gefallen an der Gewalt bekommt? Auf einer zweiten Ebene ist dieser Roman auch ein Entwicklungsroman eines bildungshungrigen Teenagers, der die Zeit zurückdrehen möchte und sich in Liebesdingen völlig verstrickt hat. Es ist ein düsterer Roman, mit einer brachial direkten Sprache, der sich aber spannend wie ein Krimi liest und zwischendurch gespickt ist mit eiskaltem Humor und fantastischen Sätzen: „ Es heißt, dass die Stille, die auf Mozart folgt, immer noch Mozart ist.“ Das Buch ist 2020 bei dtv erschienen und kostet 18,00 € „Was man sät“ von Marieke Rijneveld International Booker Price 2019 Rijneveld hat mit gerade einmal 26 Jahren einen unglaublich harten, kaum zu ertragenen Roman geschrieben. Kurz vor Weihnachten bemerkt die 10jährige Jas, dass der Vater ihr Kaninchen mästet. Sie ist sich sicher, dass es zu Weihnachten geschlachtet wird. Damit das nicht passiert betet Jas zu Gott, er möge ihren älteren Bruder anstelle des Kaninchens nehmen. Am selben Tag bricht ihr Bruder beim Schlittschuhlaufen ins Eis ein und ertrinkt. Die Familie weiß: Das war eine Strafe Gottes, und alle Familienmitglieder glauben, selbst schuld an der Tragödie zu sein. Jas flieht mit ihrem Bruder Obbe und ihrer kleinen Schwester Hanna in ein Niemandsland voller okkulter Spiele, in denen sie versuchen den Tod zu verstehen. Es sind bitterernste und gefährliche „wie-fühlt-sich-tot-an-spiele“. Aber diese Familie wird nicht nur durch den Verlust des Ältesten gestraft. Hiobsches Ausmaß bekommt die Tragödie, als auch noch die Maul-und Klauenseuche auf dem Hof ausbricht und alles Vieh getötet wird. Die Kinder fürchten nun nichts mehr, als dass die Eltern eines Tages auf dem Dachboden am Balken hängen. Rijneveld hat eine emotional schwer verdauliche Geschichte geschrieben mit archaischen Zügen, Menschen, die in einer erdrückenden Religiosität leben mit seelisch verwundeten Kindern. Kein Buch welches aufbaut aber es ist absolut lohnend es zu lesen. Ich halte es, wegen seiner literarischen Außergewöhnlichkeit, auch für eine Besprechung in einem Lesekreis, für sehr geeignet. Das Buch ist 2019 bei Suhrkamp erschienen und kostet 22,00 € „Das armenische Tor“ von Wilfried Eggers Peter Schlüter ist endlich wieder da! Sieben Jahre hat der Jurist und Autor Wilfried Eggers an seinem neuen und gerade politisch sehr aktuellen Krimi gearbeitet. Hauptfigur in Eggers Romanen ist der ermittelnde Anwalt Peter Schlüter, der diesmal konfrontiert wird mit dem historisch tief verwurzelten Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um das umkämpfte Gebiet Bergkarabach sowie der Völkermord der Türken von 1915 an den Armeniern. Wie schon im vorherigen Krimi „Paragraf 301“, wird Schlüter genötigt über seinen ängstlichen Schatten zu springen und ins gefährliche Morgenland zu reisen, um zu ermitteln. Eigentlich genießt er sein geregeltes und ruhiges Dasein in seiner Anwaltspraxis in Hemmstedt. Er liebt seine Familie, die nordischen Sprachen und steckt mit seinen Gummistiefeln tief und fest im Hollenflether Moor. Schlüter ist kein Mann der großen Töne. Eher so nebenbei kommen seine kritischen und scharfzüngigen Beobachtungen politischer und menschlicher Missstände zu Wort. Ihm ist Wichtigtuerei, Verlogenheit und Fanatismus verhasst, so dass die anwaltliche Robe nicht nur Ausdruck seines Broterwerbes ist. In seinem neuen Fall ruft ein Unbekannter in seiner Kanzlei an und bittet ihn um Hilfe und noch bevor Schlüter einen Termin vereinbaren kann wird er am Telefon Zeuge, wie der Mann ermordet wird. In der Tasche des unbekannten Toten entdeckt man später einen Zettel mit armenischen Namen und türkischen Orten und eine Quittung eines Cafés im Iran. Und wie es der Zufall will, bekommt Schlüter noch einen weiteren „armenischen“ Fall auf den Tisch. Nach einer Veranstaltung türkischer Völkermordleugner wird die Armenierin Anahid Bedrosian vergewaltigt und bittet Schlüter um Hilfe. Schlüter ahnt den hundertjährigen Schatten, den der Völkermord an den Armeniern wirft. Mit einer gehörigen Portion Angst im Gepäck und dem Segen seiner Frau, reist er nach Täbris in den Iran, begleitet von Anahid, um das Geheimnis des rätselhaften Toten zu lüften. Mittlerweile hat Wilfried Eggers fünf Romane geschrieben, die ich alle sehr gerne gelesen habe. Mit dem Krimi „Paragraf 301“ wurde er für den österreichischen Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Eggers Krimis kennzeichnen sich durch einen gut recherchierten historischen Kontext. Seine Figuren sind zuweilen bissig, mit gutem Humor und einer kleinen Prise Weltklugheit ausgestattet. Wilfried Eggers kommt hier aus der Gegend. Er arbeitet als Anwalt und Notar und wer sich in und um Stade ein wenig auskennt, wird die eine oder andere Anspielung schmunzelnd wiedererkennen. Wilfried Eggers „Das armenische Tor“ erschienen 2020 im Grafit Verlag ,14 € Andreas Izquierdo „Schatten der Welt“ Andreas Izquierdo lebt in Köln und hat 2007 mit dem Buch „Der König von Albanien“ den Sir -Walter- Scott- Preis für den besten historischen Roman erhalten. In dem Roman „Schatten der Welt“ entführt er den Leser in die Zeit von 1910 bis 1918 . Die Geschichte beginnt in Thorn in Westpreußen. Der schüchterne Carl, der draufgängerische Artur und die freche Isi sind gerade 14 Jahre alt und frohen Mutes, dass der Ernst des Lebens noch ein wenig auf sich warten lässt. Nicht einmal die Nachricht, dass ein Komet namens »Halley« die Menschheit zu vernichten droht, kann die drei Jugendlichen schockieren. Im Gegenteil, ungerührt verkaufen sie Pillen gegen den Weltuntergang, während Halley still vorbeizieht. Inmitten einer Gesellschaft, die von Adligen, Großgrundbesitzern und dem Militär bestimmt wird, wächst dieses unzertrennliche Dreigestirn auf. Nach der Schule beginnt Carl eine Ausbildung zum Fotografen, Artur gründet noch vor der Volljährigkeit ein Speditionsunternehmen, während Isi darum kämpft, Abitur machen zu dürfen. Als 1914 die große Weltpolitik über sie hineinbricht, reißt es die Freunde auseinander. Artur und Carl werden eingezogen, fernab der Heimat werden die beiden Teil eines Kriegs, der jede Vorstellungskraft sprengt. Derweil ficht Isi zuhause in Thorn nicht minder schwere Kämpfe aus. Sie stemmt sich gegen die Ausbeutung des hiesigen Großgrundbesitzers, sie wehrt sich gegen ihren grausamen und karrieresüchtigen Vater und sie wird in Festungshaft genommen. 1918 ist der Krieg endlich vorbei. Nichts ist geblieben, wie es einmal für die drei Freunde war und doch gibt es Hoffnung, ein Neuanfang scheint möglich. Mitreißend mit viel Gefühl und liebevollen Blick für seine Figuren und historischen Kontext, erzählt Andreas Izquierdo die Geschichte dreier Jugendlicher, die in den Wirren des frühen 20. Jahrhunderts ihren Weg suchen. Ich habe dieses Buch bis zur letzten Seite verschlungen und ich würde mir wünschen, dass es einmal verfilmt wird. Für mich war es pures „Kopfkino“. Schatten der Welt ist im Juli 2020 im Aufbau Verlag erschienen und kostet 16,00 € Rita Körner Tom Saller „Ein neues Blau“ Wer sich noch an „Wenn Martha tanzt“ von Tom Saller erinnert, eines unserer Empfehlungen in der Buchhandlung, wird sich auf dieses neue Buch freuen können. Beide Bücher spielen auf verschiedenen Zeitebenen. Erneut beschreibt Saller das eben einer starken und unabhängigen Frau auf der Suche nach sich selbst. Bei „Martha“ standen die Zeit und die Umstände der Bauhaus-Ära im Mittelpunkt, in diesem neuen Roman die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin sowie die japanische Teekultur. Die 18jährige Anja bekommt von ihrem Lehrer den Auftrag, sich bei Lili Kuhn als Gesellschafterin vorzustellen. Die alte Dame ist zunächst überrascht, lässt sich jedoch auf die Besuche am Nachmittag ein und findet bald Gefallen an den Treffen. Langsam fasst Lili Vertrauen, erzählt aus ihrem Leben und bringt Anja das Töpfern bei. Ruhig, feinfühlig und dennoch in sehr eindringlichen Bildern entfaltet sich Lilis Leben Schicht um Schicht in den Jahren zwischen 1919 und 1932. Als junges Mädchen lebte sie mit ihrem jüdischen Vater (die christliche Mutter ist verstorben) und dem Halbjapaner/- chinesen Takeshi in Berlin. Lilis Vater betrieb einen Teehandel und hatte in Japan Takeshi kennengelernt. Dieser war Lilis beständiger Freund und Beschützer und führte sie in die Geheimnisse der Teekultur sowie der Kalligrafie ein. Lilli lernte zufällig den Direktor der Königlichen Porzellan-Manufaktur, Freiherr von Pechmann, kennen und entdeckte dadurch ihre Leidenschaft für die Porzellanmalerei. Sie wurde Schülerin der Bauhaus Absolventin in Keramik- und Porzellangestaltung, Marguerite Friedlaender. Nach dem Umfalltod ihres Vaters, an dem sie sich selbst die Schuld gab, brach sie jedoch die Ausbildung ab und verfiel in eine schwere Depressionen. Erst durch den geduldigen jüdischen Psychotherapeuten Adam, den Lili später heiratet, gelingt ihr die Genesung. Die Königliche Porzellan - Manufaktur in Berlin, gegründet von Friedrich dem Zweiten, dessen Schöngeist für die Porzellanherstellung und die “Geburt” des Farbton “bleu mourant” , verantwortlich ist, zieht sich wie ein “blauer Faden” durch die berührende Erzählung und Lilis Leben. Geschickt verwebt Tom Saller geschichtliche Fakten mit Fiktion. Das Buch ist im August 2019 im List Verlag erschienen und kostet 20,- €. Konstanze Weber-Feldmann Ann Petry „The Street“ Liebe Leserinnen und Leser, als im März alle Läden schließen mussten und ich im dunklen Laden saß um meine kleine Abholstation zu betreuen, ist mir die Zeit dank eines Hörbuches nie langweilig gewesen. Ganze 11 ½ Stunden habe ich fast süchtig der Stimme von Bettina Hoppe gelauscht, die den Roman „The Street“ eingelesen hat. „The Street“ ist das sehr erfolgreiche Debut der Afroamerikanerin Ann Petry aus dem Jahre 1946. Es ist millionenhaft verkauft worden und im Frühjahr 2020 wurde dieser Klassiker vom Verlag Nagel & Kimche neu aufgelegt. Der Roman erzählt die Geschichte von Lutie Johnson, einer farbigen alleinerziehenden Mutter. Lutie ist klug. Sie besitzt einen Schulabschluss, ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Von Anfang an ist ihre Familie von Geldsorgen geplagt. Im Gegensatz zu ihrem arbeitslosen Ehemann, findet Lutie weit entfernt eine Arbeit als Hausmädchen in einer reichen weißen Familie. Große Ziele, Bildung, Erfolg und Geld sind das Credo der reichen Oberschicht und Lutie beschließt, dass dies auch für ihr Leben gelten soll. Um die Reisekosten der Heimfahrten zu sparen, fährt Lutie nur noch selten nach Hause. Manchmal vergehen mehrere Wochen ehe sie ihren Mann und ihren Sohn Bupp sieht, was am Ende dazu führt, dass die Ehe in die Brüche geht. Lutie ist mit dem Kind auf sich allein gestellt. Zunächst kann sie noch bei ihrem kriminellen und alkoholabhängigen Vater unterkommen, doch sie will weg. Raus aus dem Elend der Farbigen, der mangelnden Bildung und den schlechten Lebensverhältnissen. Wie die „Weißen“ will sie für sich und ihren Sohn den amerikanischen Traum vom Schmied des eigenen Glückes nicht aufgeben. So bezieht sie in Manhatten in der 116th Straße eine schäbige Dachgeschosswohnung. Von diesem Schauplatz aus, verfolgen wir, wie dieser amerikanische Traum eben nicht für Farbige gilt. Sich zu bemühen, fleißig zu sein, sich zu bilden führt nicht zum Ziel. Die gesellschaftlichen Gegebenheiten, Rassismus, Sexismus und männliche Gewalt sind wie eine Betonwand gegen die Lutie voller Wut und Verzweiflung ankämpft. Eingebettet in ihre eigene Geschichte werden die Lebensgeschichten der Bewohner in der 116th Straße erzählt. Einer Straße, die zum Symbol von Ausweglosigkeit und Zerstörung wird. Schon zu Beginn des Romans lässt uns die Autorin ahnen, dass sich hier das Glück nicht finden lässt. „Ein kalter Novemberwind jagte durch die 116th Street. Er rüttelte an Mülltonnendeckeln, saugte Rollos aus halboffenen Fenstern und klatschte sie von außen gegen die Scheiben, und er vertrieb zwischen Seventh und Eighth Avenue fast alle von der Straße, bis auf ein paar gehetzte Passanten, die versuchten, dem wilden Ansturm vornübergebeugt die kleinstmögliche Angriffsfläche zu bieten.“ Bettina Hoppe als Sprecherin dieses Hörbuches hat hier eine wahre „Meisterleseleistung“ erbracht. Ihre Stimme ist selten weich, sie gibt der Lutie das Kämpferische, das wütend Aufbegehrende, dabei immer bemüht rechtschaffend zu bleiben und das Richtige für sich und ihren Sohn zu tun. Wut, Hoffnung und Verzweiflung – Bettina Hoppe findet immer den richtigen Ton. Zur Person von Ann Petry möchte ich noch erwähnen, dass sie selbst als Farbige sehr privilegiert in Connecticut aufgewachsen ist. Sie hat Pharmazie studiert und entstammte einer wohlhabenden Apothekerfamilie. Erst als sie 1938 nach New York zieht erfährt sie Armut, Gewalt, Ausbeutung und Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung. „The Street“ ist im Februar 2020 neu erschienen und kostet 24,- €. Das Hörbuch ist als MP 3 für 22,- € erhältlich. Judith W. Taschler „Das Geburtstagsfest“ Judith Taschler, die vor einigen Jahren bereits mit „Die Deutschlehrerin“ - im Übrigen ebenfalls ein Lesetipp- einen Bestseller landete, befasst sich in diesem aktuellen Buch mit den Geschehnissen zur Zeit der Roten Khmer in Kambodscha und verknüpft hier ein grausames Kapitel der Zeitgeschichte sehr geschickt mit der Gegenwart. Der zwölfjhrige Sohn des aus Kambodscha stammenden Hauptprotagonisten Kim Mey hat sich zum bevorstehenden 50. Geburtstag seines Vaters eine besondere Überraschung ausgedacht: er findet die Adresse der ehemaligen Leidensgenossin des Vaters heraus und sendet eine Mail an Tevi mit der Bitte, als Überraschungsgast zur Geburtstagsfeier seines Vaters zu erscheinen. Er erhofft sich, mehr aus der Vergangenheit seines Vaters zu erfahren. Er weiß nur, was besonders seine Mutter und Großmutter berichtet haben: dass sein Vater damals auf der Flucht von Kambodscha nach Thailand das kranke Mädchen Tevi durch den Dschungel getragen hat und diese damit gerettet hat. Von dort aus sind sie dann gemeinsam nach Österreich geflohen, wurden dort von einer Familie aufgenommen und lebten dann gemeinsam wie Bruder und Schwester dort, bis dann plötzlich und unerwartet der Kontakt abbrach. Warum? Leider ist Kim alles andere als begeistert von der Überraschung: er ist Architekt, hat eine Frau und drei Kinder und hat seit seiner Flucht 1979 stets versucht, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er befürchtet nun, dass seine Zeit bei den Roten Khmer und die wahren Begleitumstände jener dramatischen Flucht ans Licht kommen und alte Wunden wieder aufbrechen. Durch das Erscheinen von Tevi wird Kim völlig aus der Bahn geworfen. Im Gegensatz zu Kim erzählt Tevi, die als Fotomodell und UNO-Botschafterin arbeitet, stets von ihrer Vergangenheit, denn ihre Familie wurde durch das Regime gerettet und sie selbst überlebte nur durch Zufall. Die Geschichte spielt auf mehreren Zeitebenen: die Siebzigerjahre in Kambodscha, die Achtziger und Neunziger in Österreich und Frankreich und in der heutigen Zeit in Österreich. Wie Puzzleteile fügen sich die Erinnerungsstücke zusammen und rekonstruieren eine Chronik der Ereignisse seit 1970, in der die Biografien aller Beteiligten zusammenlaufen, langjährige Lügen und Missverständnisse aufgedeckt werden und das schreckliche Ende einer großen Liebe endlich abschließend verarbeitet wird. Konstanze Weber-Feldmann „Das Geburtstagsfest“ ist 2019 bei Droemer Knaur erschienen und kostet 22 € John Ironmonger „Der Wal und das Ende der Welt“ Wir schreiben das Jahr 2020 und erleben zur Zeit eine weltweite Pandemie, die uns keine/r je so vorausgesagt hat. Es war und ist uns immer noch unverständlich, wie es dazu kommen konnte. Wir stehen fassungslos vor dem, was jetzt zählt und sehen, dass unsere Welt nie mehr so sein wird, wie wir sie noch vor wenigen Wochen erlebt haben. In dem Buch von John Ironmonger, „Der Wal und das Ende der Welt“, das vor einem Jahr bereits erschienen ist, erleben die Figuren dieser Geschichte das, was auch wir zur Zeit erleben: in rasantem Tempo verändert sich das gewohnte Alltagsleben von Grund auf. Wie reagieren die Menschen in dieser Extremsituation? Ironmongers These lautet: wenn die Welt untergeht, dann rücken die Menschen zusammen. Es geht um ein kleines Dorf, eine Epidemie und eine globale Krise. Die Geschichte spielt in England, genauer in St. Piran, einem kleinen Fischerdörfchen in Cornwall an der englischen Südküste. Hier kennt jeder jeden, alles geht geruhsam seinen Gang. Eines Tages wird ein junger Mann vom Meer an den Strand angespült. Die Dorfgemeinschaft, bestehend aus 307 Einwohnern, kümmert sich liebevoll um den „Gestrandeten“. John Ironmonger hat lauter liebenswerte, leicht schrullige Charaktere erfunden. Die Landschaft und die skurrilen Figuren erinnern zwar an Rosamunde Pilcher, doch bietet uns Ironmonger deutlich mehr als deren ländliche Herzschmerz-Idylle. Keiner der Dorfbewohner ahnt, dass es sich bei dem Mann um einen Banker handelt, der aus London geflohen ist, nachdem er feststellte, dass er offenbar maßgeblich mitverantwortlich für den Zusammenbruch seiner Bank ist. Kurz nachdem der junge Mann am Rande des kleinen Fischerdorfes aufgefunden wurde, strandet an der gleichen Stelle ein Pottwal. Der Fremde, namens Joe, und die Dorfbewohner müssen beweisen, was Gemeinsamkeit und individueller Verzicht tatsächlich bewirken kann. Der Beweis einer echten Gemeinschaft steht an. Unter der Leitung von Joe schafft es das Dorf, den Wal zurück ins Wasser zu befördern. Joe ist der Held und die Herzen der Dorfbewohner fliegen ihm zu. Doch nun hat das von Joe entwickelte Softwaresystem einen globalen Kollaps prognostiziert. Dieser Zusammenbruch würde, so die Prognose, ganz einfach beginnen, indem zuerst ein Teil einer Lieferkette ausfällt und bald darauf weltweit Nachschubwege und Systeme zusammenbrechen. Ein Grippevirus, das sich rasant ausbreitet, verursacht und beschleunigt Chaos und totale Anarchie, schlimmer als zu Zeiten der spanischen Grippe von 1918. Angesichts dieser Prognose entschließt Joe sich zu einer Rettungsaktion für das Dorf. Er verwendet seine gesamten Ersparnisse, um dafür riesige Mengen an haltbaren Lebensmitteln zu kaufen. Im Glockenturm der Kirche wird alles eingelagert. Denn - so lautet die immer wiederkehrenden These: jede Großstadt ist nur „drei volle Mahlzeiten“ von der Anarchie entfernt. Und die Grippe kommt. Gewaltig. Wie werden die Dorfbewohner reagieren? Wird es ein Hauen und Stechen geben oder können die Menschen eine menschliche Seite offenbaren, der existenziellen Krise mit Humanität begegnen? Der Autor verzichtet auf eine überwiegend erzählende Beschreibung der Ereignisse. Stattdessen nehmen wir teil an den Gesprächen seiner Romanfiguren und sind auf diese Weise als Leser eng einbezogen in den dramatischen Ablauf des Geschehens. Am Ende des Romans stellt sich heraus, dass die Dorfbewohner den Wal doch nicht retten konnten. Sein Fleisch kann jedoch verwertet und bei einem großen Weihnachtsmahl zubereitet werden. Ist das alles, samt „Happy End“ vielleicht doch ein wenig zu weich gespült? Mag sein. Die frappierenden Parallelen zur Pandemie, die wir gerade erleben, sind beeindruckend. Gefallen hat mir die Grundidee und verbunden damit auch für unsere Zeit die Hoffnung auf Solidarität, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Anke Jährig Das Taschenbuch ist im April im Fischer Verlag erschienen und kostet 12,00 €. Davide Morosinotto „Verloren in Eis und Schnee“ Das Buch „Verloren in Eis und Schnee“ wurde von Davide Morosinotto geschrieben. Es handelt von zwei Zwilligen, die im 2. Weltkrieg in Russland um ihr Leben kämpfen. Wir befinden uns in Leningrad, Juni 1941, mitten im 2. Weltkrieg. Nadja und Viktor wohnen mit ihren Eltern in einer Wohnung mitten in der Stadt. Als die Stadt Leningrad gefährdet ist, muss der Vater gegen die Deutschen an der viel zu nahen Front kämpfen und die beiden Zwillinge sollen mit den anderen Kindern aus der Stadt evakuiert werden. Ihre Mutter gibt ihnen einen wichtigen Ratschlag mit auf den Weg: sie sollen sich nie trennen. Doch schon am Leningrader Bahnhof werden sie getrennt und verschiedenen Zügen zugeteilt. Während Viktor an seinem Ziel, einem Bauernhof in Sibirien, ankommt, wird Nadjas Zug von deutschen Bombern angegriffen. Als Viktor das erfährt, begibt er sich mit ein paar Freunden auf die Suche nach seiner Schwester. Das ist der Beginn einer langen Reise mit vielen Gefahren und Problemen. Deutsche Soldaten, die sie jagen und auch der russische Winter, der an ihren Kräften zehrt. Die Zwillinge schreiben während der ganzen Zeit in ihr Tagebuch. So wollen sie sich, wenn sie sich wieder treffen, ihre Geschichten erzählen. Viktor berichtet auf diese Weise dem Leser von seinem Weg zu seiner Schwester und Nadja erzählt vom Überleben auf einer Burg in der Nähe von Leningrad. Ich finde das Buch toll, da es sehr spannend ist und man es sehr gut lesen kann. Aufgebaut und gestaltet ist es wie die Tagebücher der Zwillinge, mit Bildern, Karten und handschriftlichen Notizen. Wenn man erst einmal angefangen hat, kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Ich würde dem Buch fünf von fünf Sternen geben. Empfehlen kann ich es für Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren. Terje Bröhan, 13 Jahre alt Das Buch ist bei Thienemann erschienen (ISBN 978-3-522-20251-0) und kostet 18 €. Carlos Maria Dominguez „Das Papierhaus“ Diese Erzählung beginnt mit dem wunderbaren Satz „Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der GEDICHTE von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren“. Bluma lehrte an der hispanistischen Abteilung der Universität Cambridge. Bei dem Ich-Erzähler handelt es sich um Blumas aus Südamerika stammenden Kollegen, der ihr Büro und ihre Vorlesungen nach ihrem Tod übernehmen soll. Eines Morgens erhält der Erzähler ein an die Verstorbene adressiertes Kuvert mit uruguayischen Briefmarken, ohne Begleitschreiben, allerdings mit dem -real existierenden– Buch DIE SCHATTENLINIE von Joseph Conrad. An dem Buch klebt eine schmuddelige Kruste und die Blattkanten weisen kleine Zementpartikel auf. In dem Buch entdeckt er eine Widmung von Bluma, datiert auf das Jahr 1996, adressiert an einen Carlos, mit Bezug „auf die verrückten Tage in Monterrey“. Nun ist die Neugier des Erzählers geweckt und er beginnt, Nachforschungen anzustellen. Er erfährt die Adresse des Absenders und reist nach Südamerika, um dem geheimnisvollen Carlos Brauer aufzuspüren, doch dieser scheint verschwunden zu sein. Auf der Suche begegnet der Erzähler zwei von Carlos´ bibliophilen Freunden, wovon der eine allein über eine Büchersammlung von 18.000 Exemplaren verfügt. Der Leser erfährt einiges über Ordnungssysteme (z.B. nie Bücher von zerstrittenen Autoren nebeneinander platzieren) oder dass das Lesen der Literatur aus dem 19. Jahrhundert bei Kerzenschein angenehmer ist und dass man entsprechend der Bücher die passende Musik auswählen kann, z.B. Wagner, wenn man Goethe liest. Der Erzähler erfährt durch diese Freunde, dass Carlos noch weitaus mehr Bücher sein Eigen nannte und geradezu besessen war vom Kaufen, Lesen und Sortieren seines „Schatzes“. Was dann passiert, warum er auszog in die Lagune von Rocha, das sei hier nicht verraten. Erst zum Schluss wird aufgeklärt, warum die Erzählung „Das Papierhaus“ heißt. Der Autor beleuchtet die Bibliomanie aus verschiedenen Winkeln, beschreibt die Freude, Bücherschränke von Bekannten zu inspizieren, den Aufwand, seine eigene Bibliothek in Schuss zu halten, aber auch die zerstörerische Seite, wenn die Lesesucht und Sammelwut zur Obsession wird. Konstanze Weber-Feldman Das Buch ist im Insel Verlag erschienen und kostet 8,00 € Elisabeth Strout „Die langen Abende“ E.Strout, 1956 in Maine geboren, hat Jura studiert, aber früh erkannt, dass sie lieber Schriftstellerin werden wollte - welch Glück für uns Leser/innen. In ihrem Buch „Die langen Abende“ treffen wir Olive Knidderridge wieder, die einige von Ihnen vielleicht aus dem Buch „Mit Blick aufs Meer“ kennen, für das E. Strout 2008 den Pulitzer Preis erhalten hat. Eingebettet in die Rahmenhandlung um Olive finden wir eine Sammlung miteinander verbundener Kurzgeschichten, die sich in einer Kleinstadt in Maine abspielen. Alltägliche Ereignisse und Einblicke in das Zusammenleben der Bewohner werden sehr anschaulich geschildert. All diese Personen sind verknüpft mit der Protagonistin Olive Knitterridge. Olive Knitterridge, 70 Jahre alt, pensionierte Mathematiklehrerin, inzwischen verwitwet, ist mit ihrer Einsamkeit und dem Alter konfrontiert. Sie lernt Jack Kennison, ehemals Havardprofessor, kennen, dem es nach dem Verlust seiner Frau ähnlich geht. Sie gehen das Wagnis einer Beziehung im Alter ein und die Gedanken und Schwierigkeiten, die damit einhergehen, werden sehr einfühlsam geschildert. Die Einsamkeit von Olive und Jack findet auch keine Linderung durch ihre Kinder, denn beide haben ein gestörtes Verhältnis zu ihnen. Nach dem Tod von Jack begleiten wir Olive weiter, lesen, wie sie mit dem Alter zurechtkommt und begleiten sie ins Seniorenheim. Olive ist wahrlich keine Sympathieträgerin, sie ist barsch, verletzend und mischt sich in alles ein. Durch die anschauliche Schilderung ihres Innenlebens kommt man ihr aber sehr nahe, wird in ihre Gedankenwelt hineingezogen und stellt dann erstaunt fest, dass man sie ins Herz geschlossen hat. Es ist zu spüren, dass unter ihrer ruppigen Art eine empfindsame Seele zu finden ist, die versucht, mit den Verletzungen des Lebens umzugehen. Mit zunehmendem Alter gewinnt Olive die Einsicht, das Leben anderer gelassener zu nehmen. Der Roman ist leicht erzählt trotz der schwergewichtigen Themen wie Verlust, Einsamkeit, Alter, Tod und Reue. Diese Leichtigkeit bekommt der Roman auch dadurch, dass E. Strout das Fach der Situationskomik meisterhaft beherrscht und man oft herzhaft lachen muss. Ein Roman, der mit großem Einfühlungsvermögen und Mitgefühl auf die Menschen blickt und den Wunsch in einem erzeugt, ähnlich liebevoll auf seine Mitmenschen zu blicken. Karin Hartmann Erschienen am 16.03.2020 im Luchterhand Verlag, 20 € Willi Achten „Die wir liebten.“ Wer in den 60er Jahren geboren ist, durchlebt in diesem Buch noch einmal die Welt der Eltern der Nachkriegsgeneration. Eine Zeit, in der die Kinder gekleidet und genährt wurden, aber damit hatte es sich dann auch schon. Milch wurde gegeben aber der Honig fehlte. Gefühle hatten am Esstisch keinen Platz. So wie bei den Brüdern Roman und Edgar, die Anfang der 70er, 13 und 11 Jahre alt sind und in einer westdeutschen Provinz leben. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des jüngeren, sensiblen Edgar. Der Vater ist Bäckermeister, die Mutter betreibt einen Toto- und Lottoladen. Die Ehe der Eltern geht in die Brüche als der Vater sich in die Tierärztin verliebt und es kommt zur Scheidung, was in dieser Zeit noch als undenkbar galt. „Niemand aus der Familie, das wussten wir, hatte je seine Familie verlassen. Trennung, Scheidungen gar, beging man in der Stadt, nicht im Dorf. So schlecht eine Ehe sein mochte, sie hielt, wurde zumindest nicht aufgelöst. Sie wurde gestützt durch ein Netz von Normen und Tabus. Eine Ehe war nicht nur ein Bund zwischen zwei Menschen, sie war ein Pakt zwischen zwei Familien, und sie war auch eine Abmachung mit allen anderen im Dorf, …“ Für die beiden Brüder beginnt mit der Scheidung, die mit allem Drum und Dran des damals geltenden Schuldprinzips durchgeführt wird, eine soziale Abwärtsspirale bis eines Tages das Jugendamt vor der Tür steht und die beiden in ein Heim steckt, dem „ Gnadenhof“, wo die Methoden der Nazizeit fortbestehen. Willi Achten beschreibt mit sehr viel Gefühl die Innenwelten dieser beiden heranwachsenden Jungen. An manchen Stellen ist das Buch kaum auszuhalten. Es ist so temporeich erzählt, dass man sich oft gehetzt fühlt und sich zwingen muss zu verweilen, damit diese intensiven Bilder, die Willi Achten im Kopf erzeugt, nicht zu schnell an einem vorbeifliegen. Dieses Buch wird auf jeden Fall zu den „Besten“ gehören, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Rita Körner Das Buch ist im Februar 2020 im Hanser Verlag erschienen und kostet 22,00 € David Garnett „Dame zu Fuchs“ Das Buch ist nicht neu. Es wurde bereits 1922 verlegt, allerdings unter anderem Titel. Der Autor lebte von 1892 bis 1981. Er war nicht nur Schriftsteller sondern auch Buchhändler, Verleger und Kritiker. Er gehörte der legendären Bloomsbury Group um Virginia Woolf, E.M.Forster und John M.Keynes an. Diese Menschen versuchten das verstaubte viktorianische England in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts intellektuell und künstlerisch aufzumischen. D.Garnett hatte unzählige Affären und pflegte einen boheminischen Lebensstil. Der schmale Roman, eigentlich eher eine Novelle, handelt von einem jungen Ehepaar, den Tebricks, die sich glücklich und verliebt ins ländliche Oxfordshire zurückziehen. Wir schreiben das Jahr 1880 als das Paar einen Spaziergang durch das oberhalb ihres Anwesens gelegene Wäldchen macht. In der Ferne sind Signalhörner von Jägern zu hören, Hunde bellen. Mr.R.Trebick möchte einen Blick auf die Jagdgesellschaft erhaschen, seine Frau Silvia geborene Fox, findet keinen Gefallen an dieser Freizeitgestaltung englischer Gentlemen. Richard geht zum Waldrand. In dem Moment ertönt ein Schrei und als er sich umdreht ist etwas Unglaubliches geschehen: „Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs." Erst nach geraumer Zeit, in der sie sich fassungslos anstarren, brechen beide in Tränen aus. Dann steckt Richard seine Silvia unter die Jacke und bringt sie nach Hause. Die geifernden Hunde erschießt er, das Personal entlässt er. Rührend fürsorglich kümmert Richard sich um die ins Tier mutierte Gattin, die zunächst noch sehr zivilisiert versucht in dem häuslichen Umfeld zu leben. So hilft ihr der Gatte in ein seidenes Morgenjäckchen, dass sie nicht nackt herumlaufen muss. Aber bald siegt die Natur über die Zivilisation. Sie will nicht mehr am Tisch sitzen, verschlingt die gefangene Taube auf Raubtierart, versucht aus dem Haus und dem Garten zu fliehen. Richard, der sie beschützen will, versucht sie einzusperren aber auf Dauer gelingt es nicht. .Die Geschichte ist ausschließlich aus der Sicht von Richard erzählt, so dass ein Blick in die Gedankenwelt von Silvia nicht möglich ist. Sie ist aber in den Handlungen zu erkennen. Sie handelt, Richard versucht zu reagieren, aber er ist zum Scheitern verurteilt. Charmant und leicht wird diese Novelle erzählt. Ohne erhobenen Zeigefinger und Moral. Und doch steckt viel emanzipatorischer Wille hinter den Worten. Anke Jährig Das Buch ist im btb Verlag erschienen und kostet 9,99 € Isabel Bogdan „Laufen“ Wie bewältigt man eine schwere Lebenskrise?Die Ich-Erzählerin, eine Hamburger Musikerin, entscheidet sich fürs Laufen. Zunächst kostet sie jeder Kilometer Überwindung, doch allmählich schafft sie mehr und mehr Runden im Hammer Park, um am Ende einmal um die Alster gelaufen zu sein. „Laufen ist super, so schön stumpf, man muss gar nicht denken, ich kann sowieso nur über das Laufen nachdenken und über meinen Körper und gar nicht über den ganzen Mist…..Ich laufe mir die Grübelei weg.“ So macht sie sich auf den Weg, die Trauer und die Wut über den Suizid ihres Lebensgefährten zu verarbeiten, um wieder zurück ins Leben und in einen normalen Alltag zu finden. Während ihrer Laufrunden gelingt es ihr, ihre Gedankenwelt zu sortieren und im unaufhörlichen Selbstgespräch offenzulegen. Was sich zunächst in Verzweiflung über Einsamkeit äußert „...die haben doch keine Ahnung, wie hilflos man vor dem Bett steht und sich fragt, ob man jetzt zwei Decken und Kopfkissen beziehen soll…., denn wenn man beide bezieht, sieht es so aus , als käme da noch jemand.“ oder in qualvoller Auseinandersetzung über Schuld und Schuldgefühle „…ich muss aus dem Schulddenken herauskommen, es war deine Entscheidung….. Aber wie soll das gehen?“ wandelt sich allmählich in Wut über gut gemeinte Ratschläge ´ „Was überhaupt nicht hilft, sind diese Sprüche: das Leben geht weiter und der ganze Quatsch, was soll das denn heißen, natürlich geht das Leben weiter.“ Mit der Hilfe von Freunden, ihrem Quartett, der Liebe zur Musik und dem unermüdlichen Laufen kehrt sie nach 2 Jahren zurück in ein Leben mit Perspektive und zukunftsweisenden Plänen, mit Gedanken an eine neue Liebe, ans Tanzen und etwas „Schönem zum Anziehen“. „Wie soll es weitergehen? Wie wohl? Vorwärts, nicht mehr im Kreis.“ In schnellem Tempo---(laufend)---dabei wahrhaftig, warmherzig und berührend, reich an Metaphern und feinem Humor schreibt Isabel Bogdan über Leben und Tod, Trauer, Verlust und das Leben danach. Ein Buch, das trotz der Schwere der Thematik viele tröstliche und hoffnungsvolle Momente verspricht. Brigitte Seng Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 18,00 €
Rita Körner • Breite Straße 18 • 21614 Buxtehude • (0 41 61) 704 39 30 • mrs.koerner@web.de
Rita Körner • Breite Straße 18 • 21614 Buxtehude Tel (0 41 61) 704 39 30 • mrs.koerner@web.de
“Judith und Hamnet”, von Maggie O`Farell Womans Price for Fiction Schon zu Beginn des neuen Jahres ist dieser berührende Roman ein absolutes Highlight. Es ist die historisch detailreiche Geschichte aus dem frühen Leben von William Shakespeare, erzählt aus der Perspektive seiner älteren und feinsinnigen Frau Agnes. Wir erleben Shakespeare, als Sohn eines jähzornigen und betrügerischen Handschuhmachers, seine Verliebtheit, seine ersten Ehejahre, die Geburten der Kinder und den Beginn seiner Karriere als Dramatiker in London, vor allem aber nehmen wir beim Lesen Anteil an der unendlichen Trauer von Eltern über den Verlust eines Kindes. Hamnet, der Zwillingsbruder von Judith, verstirbt an der Pest. Während Agnes daran zu zerbrechen droht, lässt Shakespeare ihn im Hamlet weiterleben. Aus Geschichte wird Literatur. Es gibt in diesem Buch so viele berührende Stellen, dass es ratsam ist ein Taschentuch in Reichweite zu haben. Der Literaturpreis für diesen Roman ist hochverdient. Das Buch ist erschienen 2020 im Piper Verlag und kostet 22 „Annette, ein Heldinnen-Epos“ von Anne Weber Deutscher Buchpreis 2020 Berufen zum Widerstand, berufen dazu Minderheiten, Hilflosen und Ausgegrenzten zu helfen, so ist das Leben der Ärztin und Mutter Anne Beaumanoir. Anne Weber hat ihre Geschichte in sprachlicher und gedanklicher Dichte so hervorragend wiedergegeben, dass man sich ihrem Sog nicht entziehen kann. Dabei legt die Autorin zuweilen ein frechen und lakonischen Ton an den Tag, wenn sie uns als Leser über französische Geschichte so nebenbei „belehren“ will . Dies mag vielleicht nicht jedem gefallen, mich hat es nicht gestört -eher im Gegenteil- ich fühlte mich vis-á-vis mit Anne Weber. Obwohl der Roman in wunderschöner Prosa geschrieben ist, so ist der Text in seiner äußeren Form gestaltet wie ein Langgedicht. Wozu diese Form? Wohl zum einen, weil nach der Vorstellung der Autorin die Hauptfigur einer Heldinnendichtung würdig ist, aber zum anderen macht es etwas mit uns während wir lesen. Unser Auge fliegt nur so über die Zeilen und das Tempo erhöht sich. Der Text, der ohnehin schon sehr verdichtet ist nimmt noch einmal zusätzlich Fahrt auf. Anne Weber ist nicht die Erste, die in dieser Art erzählt. Bereits Sarah Crossan und David Foenkinos haben damit schon sehr erfolgreich ihre Romane oder auch Versnovellen verfasst. Wer diese Form aber als störend empfindet, dem sei das Hörbuch sehr zu empfehlen. Das Buch ist erschienen 2020 bei Matthes & Seitz und kostet 22 €; Das Hörbuch ist eingelesen mit der wunderbaren Stimme von Christina Puciata, 5 CDs, Audioverlag 22 € „Schnee in Amsterdam“ von Bernard MacLaverty Um den nordirischen Autor MacLaverty war es sehr lange still, umso mehr habe ich mich gefreut als 2018 endlich wieder ein Buch von ihm erschien und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ein älteres irisches Ehepaar reist für ein Wochenende nach Amsterdam. Schon nach wenigen Seiten ahnen wir als Leser, dass diese Ehe voller Narben ist und vor einem Abgrund steht. Mit messerscharfer Beobachtung und psychologischem Gespür schaut der Autor auf das Leben dieser zwei Menschen und spürt die Situationen auf, in denen das gemeinsam Erlebte, sie auf unterschiedliche Wege führte. MacLaverty hat ein schlichtes, unsentimentales und lebenskluges Buch geschrieben in dem irgendwann - zum Glück - auch Schnee in Amsterdam fällt. Schnee in Amsterdam erschienen 2018 im Beck Verlag 22 €; als Taschenbuch bei dtv erschienen 2020 für 11,90 € „Wolgakinder“ von Gusel Jachina Meine Mutter ist in Tiblissi (Tiflis/Georgien) als Kind von Wolgadeutschen geboren. Um 1900 gab es ca. 600.000 deutsche Siedler, die auf einem Gebiet so groß wie Belgien an der Wolga entlang lebten. Meine Mutter ist im Alter von sechs Jahren von dort geflüchtet und sie und die Großeltern hatten viele Erinnerungen im Gepäck. Für mich gab es also Grund genug dieses Buch in die Hand zu nehmen. Was für ein Glück! Mit märchenhafter Fabulierlust, die mich zum Teil an Kafka, Murakami und auch Haratischwilli erinnert, habe ich die Geschichte des Dorfschullehrers Bach gelesen, der an der Wolga in einem Dorf namens Gnadental lebt und sich auf höchst verwunderliche und sehr seltsame Art in seine Schülerin Klara Grimm verliebt. Jachina erzählt von einer untergegangenen Welt – der Wolgadeutschen und ihrer unabhängigen sowjetischen Republik. Der Roman umfasst eine Zeitspanne von 1915 bis 1945 anhand eines berührenden menschlichen Schicksals. Der Roman hat für mich auch ein paar Schwächen gehabt, so verändert Jachina bei bestimmten Kapiteln, wo politische Ereignisse im Vordergrund stehen, den Schreibstil und man holpert beim Lesen etwas hinterher. Aber insgesamt gesehen hat das für mich nicht die Qualität des Buches gemindert. Großes Kopfkino an der Wolga ! Das Buch ist 2019 im Aufbau Verlag erschienen und kostet 24,00 € „Offene See“ von Benjamin Myers Wer „Ein Monat auf dem Land“ von Carr oder „Stoner“ von Williams gerne gelesen hat, dem wird auch dieses Buch gefallen. Rückblickend erzählt wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, zwischen dem 16jährigen Bergwerkssohn Robert und Dulcie einer sehr viel älteren Frau. Bevor Robert, wie schon sein Vater in den Grubenschacht einfahren muss, will er noch auf Wanderschaft gehen. Er will Nordengland durchstreifen bis hin zum offenen Meer – seinem Sehnsuchtsort. Auf der Wanderung trifft er Dulcie vor ihrem kleinen Cottage. Dulcie ist unverheiratet, selbstbewusst, ohne Blatt vor dem Mund, klug, belesen, kultiviert und verfügt über ein Geheimnis. Während ihres Kennenlernens weckt sie in dem jungen sensiblen Robert, Horizonte, Möglichkeiten und Lebensziele, die sich dieser schon bedingt durch seine Herkunft, niemals hätte zu eigen machen können. Aber auch Robert bringt mit seinen Gedanken und seiner Art, Wärme in Dulcies Leben. Der Roman ist eine Geschichte über die Kraft der Sprache, die Liebe zur Literatur und der rauhen Landschaft Nordenglands. Es gehört für mich zu den schönen „stillen“ Büchern. Das Buch ist erschienen 2020 im DuMont Verlag und kostet 20,00 € Zum Schluss möchte ich Ihnen zwei außergewöhnliche Bücher vorstellen. Außergewöhnlich, weil mich diese Romane sowohl abgestoßen als auch unerklärlich angezogen haben. „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné Dieser Roman ist das Debut der belgischen Autorin. Er wurde mit 14 Literaturpreisen überhäuft und ist mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt worden. Im Mai 2020 hat Matthias Brand dieses Buch im literarischen Quartett vorgestellt und hochgelobt. Er hat den Roman als „spannende Horrorgeschichte“ bezeichnet, Thea Dorn sah darin ein grausames Märchen und hielt es für die beste Neuerscheinung des Jahres. Worum geht es? Ein junges Mädchen versucht voller Hingabe ein Unfalltrauma, welches ihr kleiner Bruder erlitten hat, zu heilen. Doch wie soll sie sein Lachen wieder herbeizaubern, wenn ein Gewaltmonster von Vater zuhause am Tisch sitzt und das Gesicht der Mutter in das Puree schlägt, bis der Teller in Scherben bricht. Wie kann sie es schaffen, wenn sie fürchten muss, dass auch der Bruder immer mehr Gefallen an der Gewalt bekommt? Auf einer zweiten Ebene ist dieser Roman auch ein Entwicklungsroman eines bildungshungrigen Teenagers, der die Zeit zurückdrehen möchte und sich in Liebesdingen völlig verstrickt hat. Es ist ein düsterer Roman, mit einer brachial direkten Sprache, der sich aber spannend wie ein Krimi liest und zwischendurch gespickt ist mit eiskaltem Humor und fantastischen Sätzen: „ Es heißt, dass die Stille, die auf Mozart folgt, immer noch Mozart ist.“ Das Buch ist 2020 bei dtv erschienen und kostet 18,00 € „Was man sät“ von Marieke Rijneveld International Booker Price 2019 Rijneveld hat mit gerade einmal 26 Jahren einen unglaublich harten, kaum zu ertragenen Roman geschrieben. Kurz vor Weihnachten bemerkt die 10jährige Jas, dass der Vater ihr Kaninchen mästet. Sie ist sich sicher, dass es zu Weihnachten geschlachtet wird. Damit das nicht passiert betet Jas zu Gott, er möge ihren älteren Bruder anstelle des Kaninchens nehmen. Am selben Tag bricht ihr Bruder beim Schlittschuhlaufen ins Eis ein und ertrinkt. Die Familie weiß: Das war eine Strafe Gottes, und alle Familienmitglieder glauben, selbst schuld an der Tragödie zu sein. Jas flieht mit ihrem Bruder Obbe und ihrer kleinen Schwester Hanna in ein Niemandsland voller okkulter Spiele, in denen sie versuchen den Tod zu verstehen. Es sind bitterernste und gefährliche „wie-fühlt- sich-tot-an-spiele“. Aber diese Familie wird nicht nur durch den Verlust des Ältesten gestraft. Hiobsches Ausmaß bekommt die Tragödie, als auch noch die Maul-und Klauenseuche auf dem Hof ausbricht und alles Vieh getötet wird. Die Kinder fürchten nun nichts mehr, als dass die Eltern eines Tages auf dem Dachboden am Balken hängen. Rijneveld hat eine emotional schwer verdauliche Geschichte geschrieben mit archaischen Zügen, Menschen, die in einer erdrückenden Religiosität leben mit seelisch verwundeten Kindern. Kein Buch welches aufbaut aber es ist absolut lohnend es zu lesen. Ich halte es, wegen seiner literarischen Außergewöhnlichkeit, auch für eine Besprechung in einem Lesekreis, für sehr geeignet. Das Buch ist 2019 bei Suhrkamp erschienen und kostet 22,00 € „Das armenische Tor“ von Wilfried Eggers Peter Schlüter ist endlich wieder da! Sieben Jahre hat der Jurist und Autor Wilfried Eggers an seinem neuen und gerade politisch sehr aktuellen Krimi gearbeitet. Hauptfigur in Eggers Romanen ist der ermittelnde Anwalt Peter Schlüter, der diesmal konfrontiert wird mit dem historisch tief verwurzelten Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um das umkämpfte Gebiet Bergkarabach sowie der Völkermord der Türken von 1915 an den Armeniern. Wie schon im vorherigen Krimi „Paragraf 301“, wird Schlüter genötigt über seinen ängstlichen Schatten zu springen und ins gefährliche Morgenland zu reisen, um zu ermitteln. Eigentlich genießt er sein geregeltes und ruhiges Dasein in seiner Anwaltspraxis in Hemmstedt. Er liebt seine Familie, die nordischen Sprachen und steckt mit seinen Gummistiefeln tief und fest im Hollenflether Moor. Schlüter ist kein Mann der großen Töne. Eher so nebenbei kommen seine kritischen und scharfzüngigen Beobachtungen politischer und menschlicher Missstände zu Wort. Ihm ist Wichtigtuerei, Verlogenheit und Fanatismus verhasst, so dass die anwaltliche Robe nicht nur Ausdruck seines Broterwerbes ist. In seinem neuen Fall ruft ein Unbekannter in seiner Kanzlei an und bittet ihn um Hilfe und noch bevor Schlüter einen Termin vereinbaren kann wird er am Telefon Zeuge, wie der Mann ermordet wird. In der Tasche des unbekannten Toten entdeckt man später einen Zettel mit armenischen Namen und türkischen Orten und eine Quittung eines Cafés im Iran. Und wie es der Zufall will, bekommt Schlüter noch einen weiteren „armenischen“ Fall auf den Tisch. Nach einer Veranstaltung türkischer Völkermordleugner wird die Armenierin Anahid Bedrosian vergewaltigt und bittet Schlüter um Hilfe. Schlüter ahnt den hundertjährigen Schatten, den der Völkermord an den Armeniern wirft. Mit einer gehörigen Portion Angst im Gepäck und dem Segen seiner Frau, reist er nach Täbris in den Iran, begleitet von Anahid, um das Geheimnis des rätselhaften Toten zu lüften. Mittlerweile hat Wilfried Eggers fünf Romane geschrieben, die ich alle sehr gerne gelesen habe. Mit dem Krimi „Paragraf 301“ wurde er für den österreichischen Friedrich- Glauser-Preis nominiert. Eggers Krimis kennzeichnen sich durch einen gut recherchierten historischen Kontext. Seine Figuren sind zuweilen bissig, mit gutem Humor und einer kleinen Prise Weltklugheit ausgestattet. Wilfried Eggers kommt hier aus der Gegend. Er arbeitet als Anwalt und Notar und wer sich in und um Stade ein wenig auskennt, wird die eine oder andere Anspielung schmunzelnd wiedererkennen. Wilfried Eggers „Das armenische Tor“ erschienen 2020 im Grafit Verlag ,14 € Andreas Izquierdo „Schatten der Welt“ Andreas Izquierdo lebt in Köln und hat 2007 mit dem Buch „Der König von Albanien“ den Sir -Walter- Scott- Preis für den besten historischen Roman erhalten. In dem Roman „Schatten der Welt“ entführt er den Leser in die Zeit von 1910 bis 1918 . Die Geschichte beginnt in Thorn in Westpreußen. Der schüchterne Carl, der draufgängerische Artur und die freche Isi sind gerade 14 Jahre alt und frohen Mutes, dass der Ernst des Lebens noch ein wenig auf sich warten lässt. Nicht einmal die Nachricht, dass ein Komet namens »Halley« die Menschheit zu vernichten droht, kann die drei Jugendlichen schockieren. Im Gegenteil, ungerührt verkaufen sie Pillen gegen den Weltuntergang, während Halley still vorbeizieht. Inmitten einer Gesellschaft, die von Adligen, Großgrundbesitzern und dem Militär bestimmt wird, wächst dieses unzertrennliche Dreigestirn auf. Nach der Schule beginnt Carl eine Ausbildung zum Fotografen, Artur gründet noch vor der Volljährigkeit ein Speditionsunternehmen, während Isi darum kämpft, Abitur machen zu dürfen. Als 1914 die große Weltpolitik über sie hineinbricht, reißt es die Freunde auseinander. Artur und Carl werden eingezogen, fernab der Heimat werden die beiden Teil eines Kriegs, der jede Vorstellungskraft sprengt. Derweil ficht Isi zuhause in Thorn nicht minder schwere Kämpfe aus. Sie stemmt sich gegen die Ausbeutung des hiesigen Großgrundbesitzers, sie wehrt sich gegen ihren grausamen und karrieresüchtigen Vater und sie wird in Festungshaft genommen. 1918 ist der Krieg endlich vorbei. Nichts ist geblieben, wie es einmal für die drei Freunde war und doch gibt es Hoffnung, ein Neuanfang scheint möglich. Mitreißend mit viel Gefühl und liebevollen Blick für seine Figuren und historischen Kontext, erzählt Andreas Izquierdo die Geschichte dreier Jugendlicher, die in den Wirren des frühen 20. Jahrhunderts ihren Weg suchen. Ich habe dieses Buch bis zur letzten Seite verschlungen und ich würde mir wünschen, dass es einmal verfilmt wird. Für mich war es pures „Kopfkino“. Schatten der Welt ist im Juli 2020 im Aufbau Verlag erschienen und kostet 16,00 € Rita Körner Tom Saller „Ein neues Blau“ Wer sich noch an „Wenn Martha tanzt“ von Tom Saller erinnert, eines unserer Empfehlungen in der Buchhandlung, wird sich auf dieses neue Buch freuen können. Beide Bücher spielen auf verschiedenen Zeitebenen. Erneut beschreibt Saller das eben einer starken und unabhängigen Frau auf der Suche nach sich selbst. Bei „Martha“ standen die Zeit und die Umstände der Bauhaus-Ära im Mittelpunkt, in diesem neuen Roman die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin sowie die japanische Teekultur. Die 18jährige Anja bekommt von ihrem Lehrer den Auftrag, sich bei Lili Kuhn als Gesellschafterin vorzustellen. Die alte Dame ist zunächst überrascht, lässt sich jedoch auf die Besuche am Nachmittag ein und findet bald Gefallen an den Treffen. Langsam fasst Lili Vertrauen, erzählt aus ihrem Leben und bringt Anja das Töpfern bei. Ruhig, feinfühlig und dennoch in sehr eindringlichen Bildern entfaltet sich Lilis Leben Schicht um Schicht in den Jahren zwischen 1919 und 1932. Als junges Mädchen lebte sie mit ihrem jüdischen Vater (die christliche Mutter ist verstorben) und dem Halbjapaner/-chinesen Takeshi in Berlin. Lilis Vater betrieb einen Teehandel und hatte in Japan Takeshi kennengelernt. Dieser war Lilis beständiger Freund und Beschützer und führte sie in die Geheimnisse der Teekultur sowie der Kalligrafie ein. Lilli lernte zufällig den Direktor der Königlichen Porzellan- Manufaktur, Freiherr von Pechmann, kennen und entdeckte dadurch ihre Leidenschaft für die Porzellanmalerei. Sie wurde Schülerin der Bauhaus Absolventin in Keramik- und Porzellangestaltung, Marguerite Friedlaender. Nach dem Umfalltod ihres Vaters, an dem sie sich selbst die Schuld gab, brach sie jedoch die Ausbildung ab und verfiel in eine schwere Depressionen. Erst durch den geduldigen jüdischen Psychotherapeuten Adam, den Lili später heiratet, gelingt ihr die Genesung. Die Königliche Porzellan - Manufaktur in Berlin, gegründet von Friedrich dem Zweiten, dessen Schöngeist für die Porzellanherstellung und die “Geburt” des Farbton “bleu mourant” , verantwortlich ist, zieht sich wie ein “blauer Faden” durch die berührende Erzählung und Lilis Leben. Geschickt verwebt Tom Saller geschichtliche Fakten mit Fiktion. Das Buch ist im August 2019 im List Verlag erschienen und kostet 20,- €. Konstanze Weber-Feldmann Ann Petry „The Street“ Liebe Leserinnen und Leser, als im März alle Läden schließen mussten und ich im dunklen Laden saß um meine kleine Abholstation zu betreuen, ist mir die Zeit dank eines Hörbuches nie langweilig gewesen. Ganze 11 ½ Stunden habe ich fast süchtig der Stimme von Bettina Hoppe gelauscht, die den Roman „The Street“ eingelesen hat. „The Street“ ist das sehr erfolgreiche Debut der Afroamerikanerin Ann Petry aus dem Jahre 1946. Es ist millionenhaft verkauft worden und im Frühjahr 2020 wurde dieser Klassiker vom Verlag Nagel & Kimche neu aufgelegt. Der Roman erzählt die Geschichte von Lutie Johnson, einer farbigen alleinerziehenden Mutter. Lutie ist klug. Sie besitzt einen Schulabschluss, ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Von Anfang an ist ihre Familie von Geldsorgen geplagt. Im Gegensatz zu ihrem arbeitslosen Ehemann, findet Lutie weit entfernt eine Arbeit als Hausmädchen in einer reichen weißen Familie. Große Ziele, Bildung, Erfolg und Geld sind das Credo der reichen Oberschicht und Lutie beschließt, dass dies auch für ihr Leben gelten soll. Um die Reisekosten der Heimfahrten zu sparen, fährt Lutie nur noch selten nach Hause. Manchmal vergehen mehrere Wochen ehe sie ihren Mann und ihren Sohn Bupp sieht, was am Ende dazu führt, dass die Ehe in die Brüche geht. Lutie ist mit dem Kind auf sich allein gestellt. Zunächst kann sie noch bei ihrem kriminellen und alkoholabhängigen Vater unterkommen, doch sie will weg. Raus aus dem Elend der Farbigen, der mangelnden Bildung und den schlechten Lebensverhältnissen. Wie die „Weißen“ will sie für sich und ihren Sohn den amerikanischen Traum vom Schmied des eigenen Glückes nicht aufgeben. So bezieht sie in Manhatten in der 116th Straße eine schäbige Dachgeschosswohnung. Von diesem Schauplatz aus, verfolgen wir, wie dieser amerikanische Traum eben nicht für Farbige gilt. Sich zu bemühen, fleißig zu sein, sich zu bilden führt nicht zum Ziel. Die gesellschaftlichen Gegebenheiten, Rassismus, Sexismus und männliche Gewalt sind wie eine Betonwand gegen die Lutie voller Wut und Verzweiflung ankämpft. Eingebettet in ihre eigene Geschichte werden die Lebensgeschichten der Bewohner in der 116th Straße erzählt. Einer Straße, die zum Symbol von Ausweglosigkeit und Zerstörung wird. Schon zu Beginn des Romans lässt uns die Autorin ahnen, dass sich hier das Glück nicht finden lässt. „Ein kalter Novemberwind jagte durch die 116th Street. Er rüttelte an Mülltonnendeckeln, saugte Rollos aus halboffenen Fenstern und klatschte sie von außen gegen die Scheiben, und er vertrieb zwischen Seventh und Eighth Avenue fast alle von der Straße, bis auf ein paar gehetzte Passanten, die versuchten, dem wilden Ansturm vornübergebeugt die kleinstmögliche Angriffsfläche zu bieten.“ Bettina Hoppe als Sprecherin dieses Hörbuches hat hier eine wahre „Meisterleseleistung“ erbracht. Ihre Stimme ist selten weich, sie gibt der Lutie das Kämpferische, das wütend Aufbegehrende, dabei immer bemüht rechtschaffend zu bleiben und das Richtige für sich und ihren Sohn zu tun. Wut, Hoffnung und Verzweiflung – Bettina Hoppe findet immer den richtigen Ton. Zur Person von Ann Petry möchte ich noch erwähnen, dass sie selbst als Farbige sehr privilegiert in Connecticut aufgewachsen ist. Sie hat Pharmazie studiert und entstammte einer wohlhabenden Apothekerfamilie. Erst als sie 1938 nach New York zieht erfährt sie Armut, Gewalt, Ausbeutung und Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung. „The Street“ ist im Februar 2020 neu erschienen und kostet 24,- €. Das Hörbuch ist als MP 3 für 22,- € erhältlich. Judith W. Taschler „Das Geburtstagsfest“ Judith Taschler, die vor einigen Jahren bereits mit „Die Deutschlehrerin“ -im Übrigen ebenfalls ein Lesetipp- einen Bestseller landete, befasst sich in diesem aktuellen Buch mit den Geschehnissen zur Zeit der Roten Khmer in Kambodscha und verknüpft hier ein grausames Kapitel der Zeitgeschichte sehr geschickt mit der Gegenwart. Der zwölfjhrige Sohn des aus Kambodscha stammenden Hauptprotagonisten Kim Mey hat sich zum bevorstehenden 50. Geburtstag seines Vaters eine besondere Überraschung ausgedacht: er findet die Adresse der ehemaligen Leidensgenossin des Vaters heraus und sendet eine Mail an Tevi mit der Bitte, als Überraschungsgast zur Geburtstagsfeier seines Vaters zu erscheinen. Er erhofft sich, mehr aus der Vergangenheit seines Vaters zu erfahren. Er weiß nur, was besonders seine Mutter und Großmutter berichtet haben: dass sein Vater damals auf der Flucht von Kambodscha nach Thailand das kranke Mädchen Tevi durch den Dschungel getragen hat und diese damit gerettet hat. Von dort aus sind sie dann gemeinsam nach Österreich geflohen, wurden dort von einer Familie aufgenommen und lebten dann gemeinsam wie Bruder und Schwester dort, bis dann plötzlich und unerwartet der Kontakt abbrach. Warum? Leider ist Kim alles andere als begeistert von der Überraschung: er ist Architekt, hat eine Frau und drei Kinder und hat seit seiner Flucht 1979 stets versucht, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er befürchtet nun, dass seine Zeit bei den Roten Khmer und die wahren Begleitumstände jener dramatischen Flucht ans Licht kommen und alte Wunden wieder aufbrechen. Durch das Erscheinen von Tevi wird Kim völlig aus der Bahn geworfen. Im Gegensatz zu Kim erzählt Tevi, die als Fotomodell und UNO-Botschafterin arbeitet, stets von ihrer Vergangenheit, denn ihre Familie wurde durch das Regime gerettet und sie selbst überlebte nur durch Zufall. Die Geschichte spielt auf mehreren Zeitebenen: die Siebzigerjahre in Kambodscha, die Achtziger und Neunziger in Österreich und Frankreich und in der heutigen Zeit in Österreich. Wie Puzzleteile fügen sich die Erinnerungsstücke zusammen und rekonstruieren eine Chronik der Ereignisse seit 1970, in der die Biografien aller Beteiligten zusammenlaufen, langjährige Lügen und Missverständnisse aufgedeckt werden und das schreckliche Ende einer großen Liebe endlich abschließend verarbeitet wird. Konstanze Weber-Feldmann „Das Geburtstagsfest“ ist 2019 bei Droemer Knaur erschienen und kostet 22 € John Ironmonger „Der Wal und das Ende der Welt“ Wir schreiben das Jahr 2020 und erleben zur Zeit eine weltweite Pandemie, die uns keine/r je so vorausgesagt hat. Es war und ist uns immer noch unverständlich, wie es dazu kommen konnte. Wir stehen fassungslos vor dem, was jetzt zählt und sehen, dass unsere Welt nie mehr so sein wird, wie wir sie noch vor wenigen Wochen erlebt haben. In dem Buch von John Ironmonger, „Der Wal und das Ende der Welt“, das vor einem Jahr bereits erschienen ist, erleben die Figuren dieser Geschichte das, was auch wir zur Zeit erleben: in rasantem Tempo verändert sich das gewohnte Alltagsleben von Grund auf. Wie reagieren die Menschen in dieser Extremsituation? Ironmongers These lautet: wenn die Welt untergeht, dann rücken die Menschen zusammen. Es geht um ein kleines Dorf, eine Epidemie und eine globale Krise. Die Geschichte spielt in England, genauer in St. Piran, einem kleinen Fischerdörfchen in Cornwall an der englischen Südküste. Hier kennt jeder jeden, alles geht geruhsam seinen Gang. Eines Tages wird ein junger Mann vom Meer an den Strand angespült. Die Dorfgemeinschaft, bestehend aus 307 Einwohnern, kümmert sich liebevoll um den „Gestrandeten“. John Ironmonger hat lauter liebenswerte, leicht schrullige Charaktere erfunden. Die Landschaft und die skurrilen Figuren erinnern zwar an Rosamunde Pilcher, doch bietet uns Ironmonger deutlich mehr als deren ländliche Herzschmerz-Idylle. Keiner der Dorfbewohner ahnt, dass es sich bei dem Mann um einen Banker handelt, der aus London geflohen ist, nachdem er feststellte, dass er offenbar maßgeblich mitverantwortlich für den Zusammenbruch seiner Bank ist. Kurz nachdem der junge Mann am Rande des kleinen Fischerdorfes aufgefunden wurde, strandet an der gleichen Stelle ein Pottwal. Der Fremde, namens Joe, und die Dorfbewohner müssen beweisen, was Gemeinsamkeit und individueller Verzicht tatsächlich bewirken kann. Der Beweis einer echten Gemeinschaft steht an. Unter der Leitung von Joe schafft es das Dorf, den Wal zurück ins Wasser zu befördern. Joe ist der Held und die Herzen der Dorfbewohner fliegen ihm zu. Doch nun hat das von Joe entwickelte Softwaresystem einen globalen Kollaps prognostiziert. Dieser Zusammenbruch würde, so die Prognose, ganz einfach beginnen, indem zuerst ein Teil einer Lieferkette ausfällt und bald darauf weltweit Nachschubwege und Systeme zusammenbrechen. Ein Grippevirus, das sich rasant ausbreitet, verursacht und beschleunigt Chaos und totale Anarchie, schlimmer als zu Zeiten der spanischen Grippe von 1918. Angesichts dieser Prognose entschließt Joe sich zu einer Rettungsaktion für das Dorf. Er verwendet seine gesamten Ersparnisse, um dafür riesige Mengen an haltbaren Lebensmitteln zu kaufen. Im Glockenturm der Kirche wird alles eingelagert. Denn - so lautet die immer wiederkehrenden These: jede Großstadt ist nur „drei volle Mahlzeiten“ von der Anarchie entfernt. Und die Grippe kommt. Gewaltig. Wie werden die Dorfbewohner reagieren? Wird es ein Hauen und Stechen geben oder können die Menschen eine menschliche Seite offenbaren, der existenziellen Krise mit Humanität begegnen? Der Autor verzichtet auf eine überwiegend erzählende Beschreibung der Ereignisse. Stattdessen nehmen wir teil an den Gesprächen seiner Romanfiguren und sind auf diese Weise als Leser eng einbezogen in den dramatischen Ablauf des Geschehens. Am Ende des Romans stellt sich heraus, dass die Dorfbewohner den Wal doch nicht retten konnten. Sein Fleisch kann jedoch verwertet und bei einem großen Weihnachtsmahl zubereitet werden. Ist das alles, samt „Happy End“ vielleicht doch ein wenig zu weich gespült? Mag sein. Die frappierenden Parallelen zur Pandemie, die wir gerade erleben, sind beeindruckend. Gefallen hat mir die Grundidee und verbunden damit auch für unsere Zeit die Hoffnung auf Solidarität, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Anke Jährig Das Taschenbuch ist im April im Fischer Verlag erschienen und kostet 12,00 €. Davide Morosinotto „Verloren in Eis und Schnee“ Das Buch „Verloren in Eis und Schnee“ wurde von Davide Morosinotto geschrieben. Es handelt von zwei Zwilligen, die im 2. Weltkrieg in Russland um ihr Leben kämpfen. Wir befinden uns in Leningrad, Juni 1941, mitten im 2. Weltkrieg. Nadja und Viktor wohnen mit ihren Eltern in einer Wohnung mitten in der Stadt. Als die Stadt Leningrad gefährdet ist, muss der Vater gegen die Deutschen an der viel zu nahen Front kämpfen und die beiden Zwillinge sollen mit den anderen Kindern aus der Stadt evakuiert werden. Ihre Mutter gibt ihnen einen wichtigen Ratschlag mit auf den Weg: sie sollen sich nie trennen. Doch schon am Leningrader Bahnhof werden sie getrennt und verschiedenen Zügen zugeteilt. Während Viktor an seinem Ziel, einem Bauernhof in Sibirien, ankommt, wird Nadjas Zug von deutschen Bombern angegriffen. Als Viktor das erfährt, begibt er sich mit ein paar Freunden auf die Suche nach seiner Schwester. Das ist der Beginn einer langen Reise mit vielen Gefahren und Problemen. Deutsche Soldaten, die sie jagen und auch der russische Winter, der an ihren Kräften zehrt. Die Zwillinge schreiben während der ganzen Zeit in ihr Tagebuch. So wollen sie sich, wenn sie sich wieder treffen, ihre Geschichten erzählen. Viktor berichtet auf diese Weise dem Leser von seinem Weg zu seiner Schwester und Nadja erzählt vom Überleben auf einer Burg in der Nähe von Leningrad. Ich finde das Buch toll, da es sehr spannend ist und man es sehr gut lesen kann. Aufgebaut und gestaltet ist es wie die Tagebücher der Zwillinge, mit Bildern, Karten und handschriftlichen Notizen. Wenn man erst einmal angefangen hat, kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Ich würde dem Buch fünf von fünf Sternen geben. Empfehlen kann ich es für Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren. Terje Bröhan, 13 Jahre alt Das Buch ist bei Thienemann erschienen (ISBN 978-3-522-20251-0) und kostet 18 €. Carlos Maria Dominguez „Das Papierhaus“ Diese Erzählung beginnt mit dem wunderbaren Satz „Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der GEDICHTE von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren“. Bluma lehrte an der hispanistischen Abteilung der Universität Cambridge. Bei dem Ich-Erzähler handelt es sich um Blumas aus Südamerika stammenden Kollegen, der ihr Büro und ihre Vorlesungen nach ihrem Tod übernehmen soll. Eines Morgens erhält der Erzähler ein an die Verstorbene adressiertes Kuvert mit uruguayischen Briefmarken, ohne Begleitschreiben, allerdings mit dem -real existierenden– Buch DIE SCHATTENLINIE von Joseph Conrad. An dem Buch klebt eine schmuddelige Kruste und die Blattkanten weisen kleine Zementpartikel auf. In dem Buch entdeckt er eine Widmung von Bluma, datiert auf das Jahr 1996, adressiert an einen Carlos, mit Bezug „auf die verrückten Tage in Monterrey“. Nun ist die Neugier des Erzählers geweckt und er beginnt, Nachforschungen anzustellen. Er erfährt die Adresse des Absenders und reist nach Südamerika, um dem geheimnisvollen Carlos Brauer aufzuspüren, doch dieser scheint verschwunden zu sein. Auf der Suche begegnet der Erzähler zwei von Carlos´ bibliophilen Freunden, wovon der eine allein über eine Büchersammlung von 18.000 Exemplaren verfügt. Der Leser erfährt einiges über Ordnungssysteme (z.B. nie Bücher von zerstrittenen Autoren nebeneinander platzieren) oder dass das Lesen der Literatur aus dem 19. Jahrhundert bei Kerzenschein angenehmer ist und dass man entsprechend der Bücher die passende Musik auswählen kann, z.B. Wagner, wenn man Goethe liest. Der Erzähler erfährt durch diese Freunde, dass Carlos noch weitaus mehr Bücher sein Eigen nannte und geradezu besessen war vom Kaufen, Lesen und Sortieren seines „Schatzes“. Was dann passiert, warum er auszog in die Lagune von Rocha, das sei hier nicht verraten. Erst zum Schluss wird aufgeklärt, warum die Erzählung „Das Papierhaus“ heißt. Der Autor beleuchtet die Bibliomanie aus verschiedenen Winkeln, beschreibt die Freude, Bücherschränke von Bekannten zu inspizieren, den Aufwand, seine eigene Bibliothek in Schuss zu halten, aber auch die zerstörerische Seite, wenn die Lesesucht und Sammelwut zur Obsession wird. Konstanze Weber-Feldman Das Buch ist im Insel Verlag erschienen und kostet 8,00 € Elisabeth Strout „Die langen Abende“ E.Strout, 1956 in Maine geboren, hat Jura studiert, aber früh erkannt, dass sie lieber Schriftstellerin werden wollte - welch Glück für uns Leser/innen. In ihrem Buch „Die langen Abende“ treffen wir Olive Knidderridge wieder, die einige von Ihnen vielleicht aus dem Buch „Mit Blick aufs Meer“ kennen, für das E. Strout 2008 den Pulitzer Preis erhalten hat. Eingebettet in die Rahmenhandlung um Olive finden wir eine Sammlung miteinander verbundener Kurzgeschichten, die sich in einer Kleinstadt in Maine abspielen. Alltägliche Ereignisse und Einblicke in das Zusammenleben der Bewohner werden sehr anschaulich geschildert. All diese Personen sind verknüpft mit der Protagonistin Olive Knitterridge. Olive Knitterridge, 70 Jahre alt, pensionierte Mathematiklehrerin, inzwischen verwitwet, ist mit ihrer Einsamkeit und dem Alter konfrontiert. Sie lernt Jack Kennison, ehemals Havardprofessor, kennen, dem es nach dem Verlust seiner Frau ähnlich geht. Sie gehen das Wagnis einer Beziehung im Alter ein und die Gedanken und Schwierigkeiten, die damit einhergehen, werden sehr einfühlsam geschildert. Die Einsamkeit von Olive und Jack findet auch keine Linderung durch ihre Kinder, denn beide haben ein gestörtes Verhältnis zu ihnen. Nach dem Tod von Jack begleiten wir Olive weiter, lesen, wie sie mit dem Alter zurechtkommt und begleiten sie ins Seniorenheim. Olive ist wahrlich keine Sympathieträgerin, sie ist barsch, verletzend und mischt sich in alles ein. Durch die anschauliche Schilderung ihres Innenlebens kommt man ihr aber sehr nahe, wird in ihre Gedankenwelt hineingezogen und stellt dann erstaunt fest, dass man sie ins Herz geschlossen hat. Es ist zu spüren, dass unter ihrer ruppigen Art eine empfindsame Seele zu finden ist, die versucht, mit den Verletzungen des Lebens umzugehen. Mit zunehmendem Alter gewinnt Olive die Einsicht, das Leben anderer gelassener zu nehmen. Der Roman ist leicht erzählt trotz der schwergewichtigen Themen wie Verlust, Einsamkeit, Alter, Tod und Reue. Diese Leichtigkeit bekommt der Roman auch dadurch, dass E. Strout das Fach der Situationskomik meisterhaft beherrscht und man oft herzhaft lachen muss. Ein Roman, der mit großem Einfühlungsvermögen und Mitgefühl auf die Menschen blickt und den Wunsch in einem erzeugt, ähnlich liebevoll auf seine Mitmenschen zu blicken. Karin Hartmann Erschienen am 16.03.2020 im Luchterhand Verlag, 20 € Willi Achten „Die wir liebten.“ Wer in den 60er Jahren geboren ist, durchlebt in diesem Buch noch einmal die Welt der Eltern der Nachkriegsgeneration. Eine Zeit, in der die Kinder gekleidet und genährt wurden, aber damit hatte es sich dann auch schon. Milch wurde gegeben aber der Honig fehlte. Gefühle hatten am Esstisch keinen Platz. So wie bei den Brüdern Roman und Edgar, die Anfang der 70er, 13 und 11 Jahre alt sind und in einer westdeutschen Provinz leben. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des jüngeren, sensiblen Edgar. Der Vater ist Bäckermeister, die Mutter betreibt einen Toto- und Lottoladen. Die Ehe der Eltern geht in die Brüche als der Vater sich in die Tierärztin verliebt und es kommt zur Scheidung, was in dieser Zeit noch als undenkbar galt. „Niemand aus der Familie, das wussten wir, hatte je seine Familie verlassen. Trennung, Scheidungen gar, beging man in der Stadt, nicht im Dorf. So schlecht eine Ehe sein mochte, sie hielt, wurde zumindest nicht aufgelöst. Sie wurde gestützt durch ein Netz von Normen und Tabus. Eine Ehe war nicht nur ein Bund zwischen zwei Menschen, sie war ein Pakt zwischen zwei Familien, und sie war auch eine Abmachung mit allen anderen im Dorf, …“ Für die beiden Brüder beginnt mit der Scheidung, die mit allem Drum und Dran des damals geltenden Schuldprinzips durchgeführt wird, eine soziale Abwärtsspirale bis eines Tages das Jugendamt vor der Tür steht und die beiden in ein Heim steckt, dem „ Gnadenhof“, wo die Methoden der Nazizeit fortbestehen. Willi Achten beschreibt mit sehr viel Gefühl die Innenwelten dieser beiden heranwachsenden Jungen. An manchen Stellen ist das Buch kaum auszuhalten. Es ist so temporeich erzählt, dass man sich oft gehetzt fühlt und sich zwingen muss zu verweilen, damit diese intensiven Bilder, die Willi Achten im Kopf erzeugt, nicht zu schnell an einem vorbeifliegen. Dieses Buch wird auf jeden Fall zu den „Besten“ gehören, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Rita Körner Das Buch ist im Februar 2020 im Hanser Verlag erschienen und kostet 22,00 € David Garnett „Dame zu Fuchs“ Das Buch ist nicht neu. Es wurde bereits 1922 verlegt, allerdings unter anderem Titel. Der Autor lebte von 1892 bis 1981. Er war nicht nur Schriftsteller sondern auch Buchhändler, Verleger und Kritiker. Er gehörte der legendären Bloomsbury Group um Virginia Woolf, E.M.Forster und John M.Keynes an. Diese Menschen versuchten das verstaubte viktorianische England in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts intellektuell und künstlerisch aufzumischen. D.Garnett hatte unzählige Affären und pflegte einen boheminischen Lebensstil. Der schmale Roman, eigentlich eher eine Novelle, handelt von einem jungen Ehepaar, den Tebricks, die sich glücklich und verliebt ins ländliche Oxfordshire zurückziehen. Wir schreiben das Jahr 1880 als das Paar einen Spaziergang durch das oberhalb ihres Anwesens gelegene Wäldchen macht. In der Ferne sind Signalhörner von Jägern zu hören, Hunde bellen. Mr.R.Trebick möchte einen Blick auf die Jagdgesellschaft erhaschen, seine Frau Silvia geborene Fox, findet keinen Gefallen an dieser Freizeitgestaltung englischer Gentlemen. Richard geht zum Waldrand. In dem Moment ertönt ein Schrei und als er sich umdreht ist etwas Unglaubliches geschehen: „Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs." Erst nach geraumer Zeit, in der sie sich fassungslos anstarren, brechen beide in Tränen aus. Dann steckt Richard seine Silvia unter die Jacke und bringt sie nach Hause. Die geifernden Hunde erschießt er, das Personal entlässt er. Rührend fürsorglich kümmert Richard sich um die ins Tier mutierte Gattin, die zunächst noch sehr zivilisiert versucht in dem häuslichen Umfeld zu leben. So hilft ihr der Gatte in ein seidenes Morgenjäckchen, dass sie nicht nackt herumlaufen muss. Aber bald siegt die Natur über die Zivilisation. Sie will nicht mehr am Tisch sitzen, verschlingt die gefangene Taube auf Raubtierart, versucht aus dem Haus und dem Garten zu fliehen. Richard, der sie beschützen will, versucht sie einzusperren aber auf Dauer gelingt es nicht. .Die Geschichte ist ausschließlich aus der Sicht von Richard erzählt, so dass ein Blick in die Gedankenwelt von Silvia nicht möglich ist. Sie ist aber in den Handlungen zu erkennen. Sie handelt, Richard versucht zu reagieren, aber er ist zum Scheitern verurteilt. Charmant und leicht wird diese Novelle erzählt. Ohne erhobenen Zeigefinger und Moral. Und doch steckt viel emanzipatorischer Wille hinter den Worten. Anke Jährig Das Buch ist im btb Verlag erschienen und kostet 9,99 € Isabel Bogdan „Laufen“ Wie bewältigt man eine schwere Lebenskrise?Die Ich-Erzählerin, eine Hamburger Musikerin, entscheidet sich fürs Laufen. Zunächst kostet sie jeder Kilometer Überwindung, doch allmählich schafft sie mehr und mehr Runden im Hammer Park, um am Ende einmal um die Alster gelaufen zu sein. „Laufen ist super, so schön stumpf, man muss gar nicht denken, ich kann sowieso nur über das Laufen nachdenken und über meinen Körper und gar nicht über den ganzen Mist…..Ich laufe mir die Grübelei weg.“ So macht sie sich auf den Weg, die Trauer und die Wut über den Suizid ihres Lebensgefährten zu verarbeiten, um wieder zurück ins Leben und in einen normalen Alltag zu finden. Während ihrer Laufrunden gelingt es ihr, ihre Gedankenwelt zu sortieren und im unaufhörlichen Selbstgespräch offenzulegen. Was sich zunächst in Verzweiflung über Einsamkeit äußert „...die haben doch keine Ahnung, wie hilflos man vor dem Bett steht und sich fragt, ob man jetzt zwei Decken und Kopfkissen beziehen soll…., denn wenn man beide bezieht, sieht es so aus , als käme da noch jemand.“ oder in qualvoller Auseinandersetzung über Schuld und Schuldgefühle „…ich muss aus dem Schulddenken herauskommen, es war deine Entscheidung….. Aber wie soll das gehen?“ wandelt sich allmählich in Wut über gut gemeinte Ratschläge ´ „Was überhaupt nicht hilft, sind diese Sprüche: das Leben geht weiter und der ganze Quatsch, was soll das denn heißen, natürlich geht das Leben weiter.“ Mit der Hilfe von Freunden, ihrem Quartett, der Liebe zur Musik und dem unermüdlichen Laufen kehrt sie nach 2 Jahren zurück in ein Leben mit Perspektive und zukunftsweisenden Plänen, mit Gedanken an eine neue Liebe, ans Tanzen und etwas „Schönem zum Anziehen“. „Wie soll es weitergehen? Wie wohl? Vorwärts, nicht mehr im Kreis.“ In schnellem Tempo---(laufend)---dabei wahrhaftig, warmherzig und berührend, reich an Metaphern und feinem Humor schreibt Isabel Bogdan über Leben und Tod, Trauer, Verlust und das Leben danach. Ein Buch, das trotz der Schwere der Thematik viele tröstliche und hoffnungsvolle Momente verspricht. Brigitte Seng Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 18,00